Was dem Kriminalroman landläufiger Sorte Reiz und Spannung verleiht, ist der Zweifel um die Person des Täters und die Möglichkeiten seiner Entdeckung. Ganz andere Wege geht der Roman von

Ernest Raymond: "Wer das Gesetz übertritt..." Christian Wegner Verlag, Hamburg. 334 S., 14,80 DM.

Hier ist der Hergang des Verbrechens – Mord an einer leichtlebigen Frau – und der Täter dem Leser von vornherein bekannt. Ein Unschuldiger gerät in überzeugenden Verdacht. Er wird in einem mit peinlichster Sorgfalt durchgeführten Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt und anschließend zu lebenslanger Zuchthausstrafe begnadigt.

Die eigenartige Spannung entnimmt die Handlung dem Lebensweg der Hauptperson, eines gefeierten Schriftstellers, der, in Jugendtorheiten verstrickt, in seltsamer Beziehung zu dem Tatgeschehen steht. Er könnte als einziger mit einer Zeugenaussage von wenigen Sätzen die Unschuld des zu Unrecht Verdächtigen beweisen, aber aus Scheu vor moralischer Bloßstellung behält er sein Wissen für sich. Das alles ist bis zur endgültigen Lösung mit psychologischer Feinheit geschildert, nicht ohne die packende Ironie, die das Lesen angelsächsischer Kriminalromane seit jeher zur besonderen Freude macht.

Das Londoner Leben vor dem ersten Weltkrieg in allen Bevölkerungsschichten, von der Society bis zur Arbeiterklasse und den Gestalten der Unterwelt, wird mit packender Eindringlichkeit geschildert. Da ist die Hauptperson, der feinsinnige Poet Christofer Drew, der sich mit seiner Vergangenheit konfrontiert sieht: als ihm das winzige Beweismittel eines von der Ermordeten aus der Zeitung ausgeschnittenen Gedichtes seiner Frühzeit in die Hände fällt. Da ist das lebenslustige Mädchen mit den vielen Freunden, die leichtfertig in ihren blutigen Tod taumelt. Da ist der Lokomotivführer, der die Maschinen der großen Expreßzüge meisterhaft am Zügel hält und doch seine eigenen Leidenschaften nicht zu zügeln vermag. Da sind die bestechenden Porträts von Richter, Staatsanwalt und Verteidiger und der dramatische Ablauf, der Verhandlung vor dem Schwurgericht von Old Bailey.

Eine meisterhafte Gesellschaftsschilderung, ein ausgezeichneter psychologischer Roman. Aber wer mag dem Verlag den geistverlassenen Einfall des irrigen Titels eingegeben haben? Ein menschliches Strafgesetz hat der in moralische Schuld verstrickte Held des Buches nicht verletzt. Gerhard F. Kramer