Die Physik der letzten fünfzig Jahre hat grundsätzlich mit vielen überkommenen, voreiligen Anschauungen des Materialismus aufgeräumt. "Naturwissenschaft ist nicht Weltanschauung, sie spürt nur den Atem Gottes in der Natur. Naturwissenschaftliche Theorien sind wie große Steindämme, die ins Meer hineingebaut werden." Diese Sätze eines berufenen Deuters der modernen Physik mahnen zur Bescheidenheit:

Ernst Zimmer: "Umsturz im Weltbild der Physik", 11. überarbeitete Auflage. Verlag Carl Hanser, München; 308 S., 14,80 DM.

Der Lübecker Autor des Werkes kennt Max Planck noch von seinen Studienjahren her. Daher hat ihm der große Naturforscher und Gelehrte 1934 ein Vorwort zur ersten Auflage dieses Buches geschrieben, das mit dem Wunsch endet: "Möge das vorliegende Werk insbesondere die Einsicht verbreiten und befestigen helfen, daß die physikalische Wissenschaft ihre Lebensverbundenheit nicht nur durch ihre Unentbehrlichkeit für die Technik und Wissenschaft beweist, sondern daß sie auch im Kampf um die gesamte Weltanschauung ein gewichtiges Wort mitzureden hat."

Ernst Zimmer versteht es, die schwierigen Probleme fast ohne Mathematik dem aufmerksamen Leser klarzumachen. Daher hat das Werk in 23 Jahren bereits die elfte Auflage erreicht. Wie der Autor im Vorwort ausführt, sind die Kapitel eins bis acht bis auf einige kleine Ergänzungen unverändert in die neue Auflage übernommen worden. Wesentlich neu gestaltet aber ist das umfangreiche Kapitel neun, das die Kernphysik und ihre Ergebnisse für die friedliche Anwendung der Atomkraft, aber auch ihre Gefahren durch Atomwaffen behandelt.

Das abschließende zehnte Kapitel über die Naturphilosophie, die aus den neuen Kernforschungen wesentliche und entscheidende Ansätze zum Umsturz des alten positivistischen Weltbildes Machs gewinnt, ist im Verhältnis zu früheren Auflagen gestrafft und übersichtlicher. Zimmer zieht sehr ausführlich die Forschungen Bohrs und Heisenbergs und Erkenntnisse Weizsäckers heran und führt damit über die Relativitätstheorie Einsteins hinaus.

Zimmer schließt mit dem Hinweis, daß hinter aller Forschung die metaphysische Tiefe allen Fragens auftaucht. Die Physik kann immer nur ein Weltbild geben; eine Weltanschauung aber ist stets in größerer Tiefe gegründet. Bruno Lenz