Von Irene Martin

Tel Aviv, im November

Ein Bürger Israels hat möglicherweise die Lösung eines Problems gefunden, das seit Jahrhunderten nicht nur die Bauern und Wissenschaftler in diesem Staat, sondern in allen "unterbewässerten" Ländern bewegt. Er heißt Israel Zarchin und ist ein Chemieingenieur, der am Technischen Institut in Leningrad ausgebildet wurde. Heute lebt er in Tel Aviv und hat ein Verfahren zur Entmineralisierung – oder wie der Laie sagen würde: zur Entsalzung – des Meerwassers entwickelt.

Israel Zarchin begann bereits 1931 in Leningrad an diesem Verfahren zu arbeiten. Seit seiner Ankunft in Palästina im Jahre 1947 versuchte er, die Behörden des Landes, dem genügend natürliche Süßwasserquellen fehlen, dafür zu interessieren. Aber selbst hier, wo kein kostbarer Regentropfen je verschüttet wird, hatte Zarchin Mühe, die zuständigen Stellen für seine Ideen zu gewinnen. Erst nach 9 Jahren geduldigen Hausierens bei allen Ministerien wies die Regierung schließlich im Sommer 1956 eine bescheidene Summe für den Bau einer Versuchsanlage an, die im nächsten Jahr endlich in Betrieb genommen werden soll. Inzwischen allerdings hat nun eine amerikanische Ingenieursfirma eine Lizenz bei Zarchin erworben, und so mag denn zu hoffen sein, daß amerikanische Konkurrenz stimulierend auf die israelische Bürokratie wirken wird.

Das Verfahren zur Entmineralisierung ist in seiner genialen Einfachheit verblüffend: Das Meerwasser wird gefroren, und durch diesen Prozeß von seinen mineralischen Bestandteilen befreit. Der gefrorene Teil erweist sich nämlich nach dem Wiederauftauen als völlig salzfreies Süßwasser, während die Salze sich in den nicht sogleich gefrierenden Teil des Meerwassers konzentrieren.

Die Rote Armee hat dieses Verfahren während des Krieges angewendet und auch die Jugoslawen experimentieren jetzt auf der Basis von Zarchins Sowjetpatenten.

Die einzigen größeren Süßwasservorräte Israels führen die Flüsse Jordan und Yarkon. Umleitungspläne für den Jordan sind lange Zeit auf die heftige Opposition der arabischen Nachbarn gestoßen. Wenn man nun das Wasser aus dem Mittelmeer nähme, wäre ein lästiges politisches Problem so gut wie gelöst, und außerdem würden selbst günstigstenfalls die Wassermengen der beiden Flüsse kaum genügen, das Land für die nächsten Jahre ausreichend mit Süßwasser zu versorgen... Bleibt die Kostenfrage. Nach Zarchins Berechnungen stellt sich sein Verfahren um das Fünffache billiger als das Projekt der Jordan-Umleitung. Das Mittelmeerwasser mit einem Salzgehalt von 3 1/2 v. H. eignet sich für das neue Verfahren in idealer Weise. Das Tote Meer mit seinem viel höheren Salzgehalt würde mehr Kosten verursachen. Zarchin meint jedoch, daß selbst hier eine Anlage für die lokale Trinkwasserversorgung und Bewässerung errichtet werden könnte. Gegenwärtig dienen die Dead Sea Works dem entgegengesetzten Zweck: sie extrahieren Mineralien aus dem Wasser des Sees zur Verarbeitung in den dortigen Pottasche-Werken.