Früher begann das Leben mit der Kindheit, Im modernen Roman beginnt es mit Kindheitsneurosen. Die geschiedene Ehe der Eltern erklärt zum Beispiel, warum die Tochter begeistertes BDM-Mädchen wurde. Um dieses Mädchen geht es in dem Roman

Christine Brückner: "Katharina und der Zaungast." C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh; 302 S., 10,80 DM.

Die Konzeption ist gründlich und erläßt dem Mädchen Katharina keine Station eines Irrtums. Man folgt ihr durch die strahlende Liebe zu einem NS-Exekutionsoffizier, die Arbeit als feldgraue Schwester, das Novizenleben im irischen Kloster als Folge eines Ehebruchs mit irischem Bauern bis zur Tätigkeit als Sozialpflegerin, kurz: durch alle Verstrickungen einer Romanheldin, die trotz Schuld und zweifelhaftem Lebenswandel die Unschuld der tapferen Seele behält. Sie kann allein mit dem Preis der vollendeten Persönlichkeit belohnt werden.

Diesen Preis verkörpert der versponnene "Zaungast", Kunsthistoriker in der inneren Emigration, dessen mehr kontemplativer Weisheit sich die der Stürme müde Katharina zuneigt. Mehr Exaktheit und Klarheit der Gefühle wären wünschenswert – statt eines Katalogs aller Möglichkeiten zu sündigen. Sy.