Nach Wochen allgemeiner Unsicherheit stehen jetzt an der Börse zwei Auffassungen gegenüber. Nach der einen werden die in der Diskussion befindliche Kapitalmarktförderung und die angekündigte Steuerreform dem Aktienmarkt künftig eine kräftige Stütze geben und vielleicht auch zu weiteren Kurssteigerungen führen, die sich ergeben, wenn die Anlagewilligkeit des Publikums zunimmt. Diese zum Optimismus neigende Gruppe sieht sich jetzt durch einige aus den Bonner Ministerien kommende Nachrichten enttäuscht, nach denen konkrete Maßnahmen erst ab 1. Januar 1959 wirksam werden können, also noch ein volles Jahr verstreichen wird, ehe es zu einer Kapitalmarktreform kommt. Die andere Gruppe sieht für 1958 Schwierigkeiten in der wirtschaftlichen Weiterentwicklung, insbesondere für den Export, und folgert daraus, daß man in Zukunft mit einer höchst labilen Tendenz bei den Aktien rechnen muß. Es wird dabei auf die Klöckner-Dividende, auf die enttäuschende Ausschüttung bei HEW und auf die Verlautbarung der Maschinenbau-AG Balcke, Bochum, verwiesen, in der von einer gewissen Rückläufigkeit im Gesamtauftragseingang und von mißlungenen Bemühungen gesprochen wird, den durch die Einführung der 45-Stunden-Woche entstandenen Ausfall in vollem Umfange auszugleichen.

Die offensichtlich z. Z. recht flüssige Banken-Kundschaft interessierte sich für diese Überlegungen vorerst recht wenig. Trotz der sichtlichen Bevorzugung des Rentenmarktes fanden sich noch ausreichende Mittel, um das allerdings geringer werdende Angebot aus dem Ausland flott aufzunehmen. In den Spitzenwerten sind sogar Kursgewinne zu verzeichnen, die das Aktienbarometer sichtbar nach oben ausschlagen ließen. Mitbeteiligt in dem Index-Gewinn waren allerdings vor allem einige Sonderbewegungen, die das Börsengeschäft in der vergangenen Woche erfreulich belebt hatten. Der Kursanstieg in den Standardpapieren wurde dagegen durch die Neigung des Berufshandels gebremst, sehr frühzeitig aufgelaufene Kursgewinne sicherzustellen. Er scheint nur wenig Vertrauen zu einer länger anhaltenden Festigkeit zu haben.

Die in dieser Jahreszeit übliche Nachfrage nach Bankaktien hielt weiter an. Dabei konnten die Großbankwerte wieder kleinere Gewinne erzielen, Außergewöhnlich fest lagen die Aktien der Berliner Handels-Gesellschaft, die bis auf 295 v. H. kamen. Bei dem Institut wird eine Kapitalerhöhung für möglich gehalten, weil das ursprünglich 7 : 5 zusammengelegte AK seit der Währungsreform nicht aufgestockt worden ist. An der Hanseatischen Wertpapierbörse sind auch die Aktien der Schlesw. Holst. Westbank wieder in Bewegung gekommen, und zwar um rund 10 Punkte auf 245 v. H. Auch hier taucht immer wieder die Hoffnung auf ein Bezugsrecht auf, obwohl die Verwaltung erst unlängst eine derartige Möglichkeit energisch in Abrede stellte. Beim Commerzbank-Bankverein spricht man von einem Bezugsrecht 3:1, Ausgabekurs 100 v. H., über das eine im nächsten Jahr sehr frühzeitig einzuberufene oHV beschließen soll. Bei einem Wert des Bezugsrechtes von 28 v. H. (wenn es wieder 12 v. H. Dividende gibt), liegt der Kurs für Commerzbank-Bankverein (ex Dividende und Bezugsrecht) bei 186. Vergleicht man ihn mit denen der anderen Großbanken, dann ist er niedrig. Allerdings weiß niemand, ob nicht auch bei der Deutschen und Dresdner Bank in absehbarer Zeit mit einer neuen Kapitalerhöhung gerechnet werden kann.

Die Spekulation beschäftigt sich noch immer stark mit den Gratisaktien-Aspiranten, obwohl nach dem bisherigen Verlauf der Steuerdiskussion in dieser Frage einige Zurückhaltung am Platze zu sein scheint. Immerhin erreichten Dt. Linoleum mit etwa 270 v. H. einen bisherigen Spitzenkurs. Neuerdings ist auch das Interesse für Dynamit Nobel (400 v. H.) wieder lebhafter geworden. Aufkäufe haben den Kurs auf diese Höhe gebracht. Der bisherige Höchststand wurde im Juli mit 440 v. H. erreicht. Gut erholt haben sich in letzter Zeit die Zellstoffwerte. So stiegen Aschaffenburger Zellstoff bis auf etwa 95 v. H. an. Mit der Wiederaufnahme der Dividendenzahlungen wird gerechnet. Im Juni wurde das Papier noch mit 68 v. H. gehandelt. Zellstoff Waldhof lagen um 6 Punkte fester.

Im Montanbereich gab es keine Überraschungen. Die Kurse konnten sich allgemein leicht befestigen. Bei Klöckner-Humboldt-Deutz wird wieder eine Dividende von 9 v. H. für das am 30. 6. 1957 abgelaufene Geschäftsjahr erwartet. Auf diese Versionen hin hat sich der Kurs von 191 1/2 nicht gerührt, obwohl neunprozentige Papiere üblicherweise sehr viel niedriger notieren. Der stabile Kurs läßt auf Sonderinteressen schließen. Der Preisverfall bei Zink und Blei dürfte nicht ohne Rückwirkungen auf das Ergebnis von Stolberger Zink bleiben, wo von einem Ausfall der Dividende für das am 30. 6. 1957 beendete Geschäftsjahr gesprochen wird. Zuletzt wurden sieben v. H. bezahlt.

Am Rentenmarkt sind die neu herauskommenden Anleihen meist schon vor dem offiziellen Zeichnungstermin untergebracht. Offensichtlich finden dort auch Gelder ihre Unterbringung, die eigentlich nicht für eine längere Anlage gedacht sind, -ndt