Es beginnt schon sehr zu Weihnachten. Oder besser: es jult schon wieder, es klappt! Nämlich jenes nunmehr sacht anlaufende, bald alles überflutende gigantische Mittwintersaisongeschäft, dessen Konjunktur sich aus allerlei alten heidnischen Bräuchen entwickelt hat und das seit langem und immer mehr das gleichzeitige Christgeburtsfest an die Wand drückt. Zwar schmückt es sich selber mit christlichen Emblemen. Elektrische Lichterbäume werden bald wieder auf Straßen und Plätzen den Sieg der Neonröhre über die Finsternis vergangener Wirtschaftsdepressionen verkünden, Sterngirlanden, strahlend von Laden zu Laden über die Fahrbahn geschwungen, zur Anbetung der Fensterauslagen einladen. Kindliche Herzen werden davon angerührt, verkrustete erweicht und froh und kauflustig gestimmt werden.

Gewiß, Weihnachten soll ein Fest der Liebe sein; der gebenden, schenkenden, opfernden Liebe, so wie in der Christgeburt, die beileibe kein ausschließlich zum Freudenrausch aufforderndes Ereignis ist, das Kreuzopfer schon enthalten ist. Allein diese schenkende Liebe zu symbolisieren, würde die kleinste Kleinigkeit genügen. Was hingegen inzwischen daraus geworden ist, kommt haargenau auf dasselbe hinaus, als wollte man die Feier der Eucharistie, das heilige Abendmahl, in der Form eines kolossalen Freß- und Saufgelages begehen.

Wie kann der Christ, der Weihnachten noch ernst nimmt, sich vor der so raffiniert sentimentalisierten, merkantilen Entwürdigung seiner Feste schützen? In Soest befaßte sich die "Evangelische Akademie" von ungefähr mit der Frage. Man kam zu dem Ergebnis, daß ein Pfarrer und einige führende Werbefachleute demnächst zusammenkommen sollen, um "praktische Empfehlungen" auszuarbeiten. Hier geht es also um einen möglichst tragbaren Kompromiß. – Mehr an die Wurzel des Übels griff die Wochenzeitung des katholischen Bistums Berlin und berichtete dabei, daß vier protestantische Gemeinden der amerikanischen Stadt Vicksburg dazu übergegangen seien, das Weihnachtsfest am 25. Juli zu feiern, um es von dem "geschäftlichen Weihnachtsrummel" rein zu halten. Eine Demonstration, die an drastischer Deutlichkeit wirklich nichts zu wünschen übrig läßt – diese Emigration aus dem Kirchenjahr! – Nun: in Rio oder Buenos Aires fiel Weihnachten schon immer in den Hochsommer. Auch ist das Dezemberdatum gewiß nicht historisch; ein gastronomisch beschlagener Evangelienforscher will errechnet haben, daß der Geburtstag Jesu im September angesetzt werden müsse. Sicherlich ist bei religiösen Festen die Datumsfrage nicht immer entscheidend für den Erlebniswert. Wohl aber entscheidend ist die Gemeinsamkeit, die Übereintimmung im Erleben und damit die Fixierung auf einen bestimmten Tag.

Wir plädieren nicht für Nachahmung des Beispiels von Vicksburg – schon, weil auch der Zusammenklang von Christgeburt und Lichtgeburt (Wintersonnenwende) seine echte Symboldeutung hat. Aber wir möchten doch wünschen, daß es allen, denen die ganze Sache nicht überhaupt völlig gleichgültig ist, zu denken gäbe.

Daß an den "gegebenen Verhältnissen" von außen her und in berechenbarer Frist nichts grundsätzlich geändert werden kann, ist wohl klar. Aber wir sollten den Mut haben, immer wieder ehrlich auszusprechen, was davon zu halten ist.

Auf die Dauer hilft das vielleicht doch. –th