Von Andreas Sattler

Jede Zeit hat die Lausbuben, die sie verdient. Sie weiß es auch; sie will es nur nicht zugeben. Sie schlägt die Hände zusammen und sagt: "Wie ist das nur möglich? Das gab es noch nie!" Aber noch jede junge Generation hat sich wild gebärdet; sie trug nur ein anderes Kostüm, zum Beispiel den Werther-Frack; die Umgangsformen waren anders; und möglicherweise ist den Leuten früher auch weniger Unfug eingefallen; der Kopf war ihnen noch nicht mit allen Wassern gewaschen worden. Aber immer hieß es händeringend: "Nein, diese Jugend – noch nicht dagewesen!"

Das Malheur fängt schon damit an, daß man von der modernen Jugend spricht, als wäre sie ein selbständiges Gebilde, eine Zeiterscheinung abseits vom Ganzen. Es ist absurd, daß die Leute, die vor dreißig Jahren die moderne Jugend waren, über die Jugend von heute außer sich geraten, die in dreißig Jahren den Kopf über die moderne Jugend schütteln wird. Sollte – zaghaft frage ich – an dieser Heraushebung der Jugend Schiller schuld sein?

Man verstehe das recht: Seit Schiller gibt es in der deutschen Vorstellungswelt einen Typ, den keine andere Literatur kennt; von Hölderlin bis Weinheber wurde er angeödet; seit Stefan George begegnete man ihm auf den Straßen; und in den Kriegsbriefen gefallener Studenten steht sein Grabstein: der "deutsche Jüngling". England kennt diesen Jünglingstyp nicht und hilft sich mit einem auch nicht lebensnäheren Idealbild: dem jungen Gentleman; Frankreich erinnert sich gelegentlich an den jungen Helden, der in Alexandrinern redet – und das einzige Land, das den Jüngling als druckreife und bühnenfähige Figur kennt, ist Amerika: Er hat aber Freud gelesen, hält sich für verkorkst, weil mit seinem Elternhaus etwas nicht stimmte, und ist eine dankbare Rolle für James Dean und seine Nachfolger.

Der edle Jüngling, dieser Ausbund an theaterwirksamer Tugend, hatte aber schon bei Schiller einen Gegenspieler. Der James Dean des achtzehnten Jahrhunderts hieß Franz Moor. Vielleicht ist es noch immer ein von Schiller geprägtes Urbild, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, das uns vorschwebt, wenn wir von der Jugend reden, vom Nachwuchsproblem, von der heutigen Generation – oder auch nur von "Halbstarken",

Und das Kostüm dazu haben die Amerikaner geliefert: den Borstenschnitt und den Hahnenkammschnitt; die Orang-Utan-Frisur und die Roßschweiffrisur; die Ansichtskartenhemden und die Bilderbuchkrawatten; die Anhängsel um den Hals und den Faßreifen ums Handgelenk – bitte, die Amerikaner haben angefangen!

Mit einer Ausnahme. Woher kommen die blauen Hosen? Diese Nesselstoffröhren, die man auch hierzulande bitte jeans nennt, weil deutsche Wortschöpfungen nicht smart genug klingen? Diese genieteten Dinger, die aus irgendeinem Grund abgescheuert aussehen müssen, an Fabrik erinnern und an Cowboys, kommen nicht aus den USA. Es gab sie schon vor dem ersten Weltkrieg, sie sind so alt wie der Ausdruck "Halbstarke" – älter als fünfzig Jahre. Wer das Geheimnis der bitte jeans lüftet, dürfte erheblich zur "Psychologie der modernen Jugend" beiderlei Geschlechts beitragen. Daß sie einfach "praktisch" sind, kann doch wohl nicht das ganze Geheimnis sein? Sollte ein Verkleidungstrieb dahinterstecken, ein verängstigter Hang, jemand anderer zu scheinen und nicht auszusehen, wie man ist?