Um die Gestalt Wolfgang Borcherts, der am 20. November 1947 in Basel im Alter von 26 Jahren starb, kämpfen zwei sehr ungleichartige Mächte: das Legendäre und der nüchterne Wirklichkeitssinn. Der legendäre Zug findet sich weniger im Persönlichen. Er zeichnet in erster Linie den Verfasser des Dramas "Draußen vor der Tür" aus, das aus einem Hörspiel entstanden und nicht allein in Deutschland, sondern in zahlreichen europäischen Ländern und außerhalb Europas aufgeführt wurde.

Unser Sinn nach Aufklärung hat wenigstens in diesem Punkt mit guten Gründen kapituliert. Wir fragen nicht mehr ernstlich, welche Kräfte es ihm ermöglichten, die Verzweiflung einer Generation im Drama auszudrücken, das mehr hinausgeschrien als geschrieben wurde. Zugleich wollen wir, zumal wenn wir seiner am zehnten Todestage gedenken, ein Bild seiner Erscheinung gewinnen. Wir wollen auch wissen, wie er aussah. Ist der Wirklichkeitssinn, und mit ihm die Photographie, nicht der ärgste Feind eines Zuges, der das Allgemeine und Wesentliche einer Gestalt fördert? Könnte man sich vorstellen, daß sich die Legende irgendeiner Gestalt der Geschichte je bemächtigt hätte, wenn diese Persönlichkeiten in entgeisternden Aufnahmen von Vorstadtphotographen festgehalten und der Nachwelt überliefert worden wären?

Wir besitzen Aufnahmen von Borchert. Aber sie sind zur Desillusionisierung nur wenig geeignet. Liegt das an der Photographin? Rosemarie Clausen hat von Borchert nicht nur Bilder, sondern auch ein Bild, eine Vorstellung, die sich aus zahlreichen lebendigen und oft freskoartigen Zügen zusammensetzt. Borchert hatte, schon bevor er aus dem Kriege nach Hamburg heimkehrte, Aufnahmen von Rosemarie Clausen gesammelt. Den Wunsch, die Photographin nun kennenzulernen, verwirklichte er auf eine durchaus persönliche Weise. Eines Tages stand er vor ihrer Tür und klingelte. Als sie öffnete, redete er sie, die er noch nie gesehen hatte, mit Rosemie und du an... Und bei diesem ersten Besuch lud Wolfgang Borchert Frau Clausen und ihre drei Kinder ein, zu seinen Eltern zu ziehen. Frau Clausen, die vorher in Berlin gelebt hatte, war Anfang 1945 vor den Grauen des Krieges nach Hamburg geflüchtet und lebte im Elend. Aber sie lehnte ab.

Er hat seltsam ausgesehen bei diesem ersten Besuch. Das schwarze Haar, die dunkelbraunen Augen und die gelbe Hautfarbe, das Ergebnis einer heimgeschleppten Gelbsucht, bestimmte einen etwas fremdartigen oder gar fremdländischen Eindruck.

Frau Clausen empfand bei Wolfgang Borchert als wohltuend die unkonventionelle Unmittelbarkeit, das Beschwingte. Die Hoffnung nach einer Zeit der geistigen und moralischen Dürre – wer, so meinte sie, repräsentierte sie in seiner Haltung so gut wie dieser junge Schauspieler, der hier und da auch Gedichte und Erzählungen schrieb? Heiter sei seine Natur gewesen, sagt Frau Clausen wiederholt. Heiter? Der Autor eines der dunkelsten und bittersten Stücke der "verlorenen Generation" sei heiter gewesen? Vermutlich muß die Qualen eines irrsinnigen und entwürdigenden Lebens und Sterbens am meisten leiden, wem die Natur Leichtigkeit des Geistes zugedacht. Es fällt auf, daß Borchert, der aus dem Inferno des Krieges krank, elend und ernst zurückkehrte, einmal auch im Kabarett auftrat, das sich "Janmaaten im Hafen" nannte. Er soll vorzüglich gewesen sein.

Sie habe Wolfgang Borchert ungern und nur auf sein Drängen hin photographiert, sagt Frau Clausen. Sie hatte Scheu vor dem Aufnehmen. Einen Menschen zu photographieren, mit dem sie keine Freundschaft verband, wäre ihr weit leichter gefallen. Photographieren ist bei ihr nicht Knipsen. Es ist nicht das ernüchternde und desillusionierende Festhalten von Form und Wirkung der Haut. Es ist auch Wesensbeschreibung.

Genügen Rosemarie Clausens Bilder auch unserer Neugier und unserem Bedürfnis nach Wirklichkeitserfahrung – sie helfen zugleich, das Wesentliche Borcherts zu begreifen. R. D.