São Paulo, im November

Als Brasilien bei Kriegsende über ein gewaltiges Devisenguthaben verfügte – das Land hatte während des Krieges wohl exportieren, aber kaum Fertigwaren einführen können –, beschloß die Regierung in Rio de Janeiro, auf dieser Basis die Industrie auszubauen. Das bedeutete jedoch, daß sie den in den Kriegsjahren entstandenen Nachholbedarf an Einfuhren vernachlässigen mußte, und sie tat das in den folgenden Jahren unyerständlicherweise insbesondere im Kraftfahrwesen. Unverständlich war das deshalb, weil zwei andere Verkehrsträger, die Eisenbahn und die Schiffahrt, bereits hoffnungslos vernachlässigt waren und nicht im mindesten mehr den Ansprüchen entsprachen. Nur ganz kurze Zeit nach dem Kriege konnte der Brasilianer einen Last- oder Personenwagen kurzfristig und zu erschwinglichem Preis erwerben, dann wurde die licenqa previa eingeführt, die Genehmigungspflicht für alle Einfuhren. Und im gleichen Augenblick lagen bei den Importfirmen seitenlange Listen mit Vorbestellungen; es entstanden jahrelange Wartezeiten. Als besonders üble Begleiterscheinungen gab es bei den Einfuhrbehörden bald Durchstechereien großen, Ausmaßes, die sich schließlich zu einem Riesenskandal auswuchsen und zum Teil noch heute die Gerichte beschäftigen.

Als dieser Skandal, der sich übrigens auf fast allen Gebieten der Einfuhr abspielte, untragbare Formen angenommen hatte, entschloß sich die Regierung zu neuen Wegen in der Einfuhr, Wegen, auf denen sie sich nebenbei große Einnahmequellen erschloß. Die Einfuhr wurde liberalisiert, zugleich aber wurden fünf verschiedene Importkategorien eingeführt. Leider wurden dabei Kraftfahrzeuge und Kraftfahrzeugteile in eine aussichtslose Position gebracht.

Die Preise für Last- und Personenwagen stiegen schnell in schwindelnde Höhen. Beispielsweise kostete der Volkswagen, der 1951 auch in Brasilien auftauchte, damals 65 000 Cruzeiros, was bei dem damaligen Kurs 11 700 DM entsprach. Mit der fortschreitenden Inflation stieg der Preis des Wagens aber weiter, er stieg sogar über das Verhältnis der Cruzeiro-Abwertung hinaus und hat heute 540 000 Cruzeiros erreicht, was – bei dem derzeitigen Kurs von 1 DM gleich 18 Cruzeiros – mehr als 30 000 Mark ausmacht. Auch andere Kleinwagen haben ähnliche Preise. Große Wagen sind im Verhältnis noch teurer, während Lastwagen etwas besser liegen. Jedenfalls ist bei diesen Preisen an eine Entwicklung des Kraftfahrwesens zur Besserung der brasilianischenTransportverhältnisse kaum zu hoffen.

Amerikanische und später auch westdeutsche Werke der Automobilindustrie haben bereits vor Jahren zur Verringerung der Frachtkosten bei der Einfuhr Montagewerke in Brasilien errichtet; ihr Aufbau erwies sich als richtig, da bei der Liberalisierung der Importe und dem Einführen von Importkategorien Kraftfahrzeugteile günstiger placiert wurden als fertige Fahrzeuge.

Bevor der brasilianische Bundespräsident Juscelino Kubitschek im vergangenen Jahr sein Amt übernahm, ließ er wissen, daß er neben der Lebensmittelversorgung und dem Energiewesen der Transport- und Verkehrsfrage seine besondere Aufmerksamkeit schenken wolle. Tatsächlich hat er sich nach Übernahme der Regierung auch stark für das Kraftfahrwesen interessiert und ist im vergangenen Jahr sowohl im Montagewerk für DKW-Kombiwagen als auch bei der Mercedes-Benz do Brasil erschienen, als in diesen Werken die ersten Fahrzeuge vom Band liefen. Darüber hinaus hat er ein neues Kraftfahrzeuggesetz verkünden lassen, nach dem in Brasilien montierte Kraftfahrzeuge in den nächsten Jahren in steigendem Maße brasilianische Teile verwenden müssen, bis 90 v. H. erreicht sind.

Eine Besserung der Verhältnisse ist jedoch bisher nicht eingetreten. Sie ist auch nicht zu erwarten, weil auf fast allen Gebieten die Herstellung von Industrieerzeugnissen in Brasilien erfahrungsgemäß noch teurer wird als die Einfuhr der betreffenden Produkte aus dem Ausland. So hat beipielsweise ein Spritzgußwerk in Sao Paulo, obgleich es mit westdeutschen Direktoren und Meistern besetzt ist und deutsche und schweizerische Maschinen verwendet, Ausschußprozente in einer Höhe, die die Kosten der Produktion über jede noch so negative Kalkulation hinaus haben in die Höhe gehen lassen.