Es war eine echt rheinische Reminiszenz, daß die Bilanzbesprechung der Klöckner-Gruppe von Dr. Gerhard Schroeder am Elften im Elften um elf Uhr elf, also zur traditionellen Minute der Hoppeditz-Wiederauferstehung, der symbolischen Figur des Karnevals, eröffnet wurde. Diese rheinische Reminiszenz verkörpert die Tradition des Konzerns, dessen Gesicht in der Zukunft maßgeblich von der neugebauten Hütte bei Bremen gestaltet wird. Der Brückenschlag Rhein zur Küste ist dem bisher mit seinen Werken in Haspe, Osnabrück und Troisdorf trocken sitzenden Stahlkonzern geglückt. In Bremen ist das zur Zeit modernste deutsche Stahlwerk mit einer Rohstahlkapazität von vorläufig 500 000 Jahrestonnen angelaufen. Das SM-Werk mit drei Öfen, die Tiefofenanlage, die Blockbrammenstraße und das Kaltwalzwerk arbeiten. Die Grobblechstraße wird noch im November, die Warmbreitbandstraße im Dezember 1957 in Betrieb gehen. Der erste Hochofen ist in Montage und kann in Jahresfrist eigenes Roheisen liefern.

Mit einem Zehntel der Eisenhüttenbelegschaft der Klöckner-Werke AG, Duisburg, wird ein Viertel des Rohstahls geleistet werden. Bremen zählt 1500 Mitarbeiter in den Produktionsbetrieben bei rund 15 000 Eisenhüttenleuten im Klöcknerbereich. Dieser Vergleich zeigt den Fortschritt der Technik. Seinen Gegenposten findet er im Kapitaldienst – das Zinssaldo ist um 90 v.H. auf 19 Mill. DM gestiegen.

Im Geschäftsjahr per 30. Juni 1957 wurden 1,8 (1,73) Mill. t Rohstahl und 1,41 (1,36) Mill. t Walzstahl gefertigt. Mit Bremen erhöht sich die Rohstahlleistung auf etwa 2,2 bis 2,3 Mill. t, die Walzstahlleistung auf etwa 1,7 Mill. t. Die Umsätze werden also weiter steigen. Sie erreichten im Berichtsjahr 1956/57 1,6 (1,45) Mrd. DM, davon 25 (16) v. H. Exportanteil mit hohen Durchschnittserlösen. Auf den Stahlumsatz entfielen allein rund 1,1 Mrd. DM, auf die Kohlengesellschaften über 300 Mill. DM.

Mit dem Anlauf der Produktion in Bremen erweitert sich das Walzprogramm Klöckners um Grob-, Mittel- und Feinbleche, also für den Küstenraum mit seiner Werft- und Maschinenbauindustrie ein überaus interessanter und vor der Tür liegender Produzent, Dank eines eigenen Hafens an der Weser liegt die Hütte offen für alle Überseerohstofftransporte an Erz, Kohle, Schrott und Öl. Dabei geht die Politik dahin, sich möglichst kohlenunabhängig zu machen. Schon die Werke in Haspe und Osnabrück arbeiten überwiegend auf Erdgasbasis. In Bremen werden die SM-Öfen mit Heizöl beheizt. Die Abgase einer in der Nähe liegenden Raffinerie werden künftig verbundwirtschaftlich genutzt werden.

Die Anlagekosten in Bremen erreichen rund 350 Mill. DM einschließlich des noch im Bau befindlichen Hochofens. Es errechnet sich somit an Hand der erwarteten Stahlproduktion von rund 500 000 t ein Anlagekostensatz von 700 DM je Tonne, also viel weniger, als die theoretischen Berechnungen für den Bau auf grüner Wiese bisher ergeben hatten; Dabei galten Sätze von 1000 bis 1200 DM als gängig. Allerdings muß gesagt werden, daß in Bremen schon ein Hafen und eine Kokerei vorhanden waren. Der Bau ist also nicht ausgesprochen auf einer grünen Wiese erfolgt. Aber immerhin auf einer "angegrünten Wiese". Daß er überhaupt in zwei Jahren technisch durchgeführt und finanziell bewältigt werden konnte, ist wohl eine der erstaunlichsten Leistungen auf dem Gebiete der Großinvestitionen der Gegenwart.

Wenn auch Bremen durchaus im Vordergrund der Investitionen der Klöckner-Gruppe gestanden hat und im Augenblick noch steht, so sind doch die übrigen Kernwerke in Haspe, Osnabrück, Troisdorf, Düsseldorf und Trier nicht vernachlässigt worden. Von dem Gesamt-Investitionsprogramm seit der Neugründung über 726 Mill. DM entfällt mehr als die Hälfte auf die übrige Klöckner-Gruppe einschließlich Kohle. Zur Zeit erhält die Klöckner-Bergbau Victor-Ickern AG bei Castrop-Rauxel das größte deutsche Stromkraftwerk auf Steinkohlenpas is mit 120 000 installierter kW (Kostenaufwand 55 Mill. DM). Dr. Gerhard Schroeder erklärte dazu, daß auch Klöckner seine Kohle rentabel gestalten müsse. Vor der letzten Preiserhöhung wären die Bergbaubetriebe in Verlust gekommen. Nunmehr cönne nicht marktfähige Victor-Ickern-Kohle veredelt und teils im eigenen Betrieb, teils an Dritte lutzbringend eingesetzt werden. Die Kohleproduktion bei Klöckner ist wegen schlechter geologischer Verhältnisse und im Zuge der Arbeitszeitverkürzung von 5,28 auf 5,09 Mill. t zurückgegangen, die Koksproduktion dagegen auf 1,89 (1,85) Mill. t gediegen.

Über die Geschäftslage war zu hören, daß die Auftragseingänge nach wie vor, wenn auch in den einzelnen Sorten unterschiedlich, so doch lebhaft seien und ein langfristiges Disponieren ermöglichen. Leider wäre der Export in dritte Länder sowohl nach Mengen wie vor allem nach Preisen rückläufig. Die Preisspitzen seien um 15 bis 40 Dollar je Tonne abgebaut worden. Aus diesen Exporterlösen wurde in der Vergangenheit ein Teil der Investitionen und der größte Teil der allgemeinen Kostensteigerungen bezahlt. Diese betrugen seit der letzten Stahlpreiserhöhung rund 50 DM je Tonne Walzstahl.