GK, Nürnberg

Das merken Sie sich: wenn ich im Wagen sitze, ist die Fahrt immer dienstlich. Solche Worte mag schon mancher Chauffeur aus dem Mund seines Chefs vernommen haben, wenn er gefragt hat, ob er eine Reise als Dienst- oder Privatfahrt buchen soll. Und der Chauffeur wird sich dann sein Teil gedacht haben.

Unangenehm aber wird die Sache, wenn der Chauffeur diesen Ausspruch einem Gericht zitiert, vor dem sein Chef als Angeklagter steht und sich wie Hans Dirscherl, wegen Untreue und Unterschlagung zu rechtfertigen hat, weil er 60 000 Mark zu Unrecht kassiert haben soll.

Das alles war dieser Hans Dirscherl in den Jahren zwischen 1945 und 1955: Präsident des Bayerischen Handwerkstages, Mitglied des ersten deutschen Bundestages (FDP), Mitglied des bayerischen Senats, Präsident der Handwerkskammer für Mittelfranken, Landesinnungsmeister des bayerischen Schuhmacherhandwerks, Landesfachgruppenleiter des Schuhmacher- und Orthopädiehandwerks, Vorsitzender des Vereins Handwerkerausstellungen und Aufsichtsratmitglied bei einer Handwerker-Krankenkasse.

Er war das, was man einen führenden Mann der bayerischen Wirtschaft nennt. Aus seinen Ämtern bezog Meister Dirscherl ein monatliches Einkommen von rund 3000 Mark – nicht eingerechnet die Spesen. Aber gerade im Spesenmachen brachte es der Vielbeschäftigte zu wahren Meisterleistungen. Nicht umsonst, so sagte sich Dirscherl, sind schließlich mit der Übernahme und Ausübung solch angesehener Posten Freifahrten sowie Kilometer-, Sitzungs-, Tage- und Übernachtungsgelder verbunden.

Im großen Sitzungssaal der Handwerkskammer für Mittelfranken, jenem repräsentativen Handwerkerhaus, das während der Ära Dirscherl in der Sulzbacher Straße zu Nürnberg entstand, sitzt jetzt die große Strafkammer des Landgerichts über Bergen von Spesenabrechnungen und Fahrtenbüchern. "Unrechtmäßig bezogene Spesengelder" stehen im Mittelpunkt der Verhandlung, und der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Baer, meinte bereits entschuldigend: "Der Strafprozeß hat sein Gesicht verloren und ist nur noch ein Abrechnungsprozeß."

Das Porträt eines zeitgenössischen Spesen-Funktionärs trägt diese Züge: Da fährt der Präsident zu einer Senatssitzung von Nürnberg nach München, benutzt – obgleich er freie Bahnfahrt hätte – den Dienstwagen der Nürnberger Handwerkskammer, läßt sich vom Senat alle Auslagen ersetzen und reicht außerdem bei der Kammer und bei einigen anderen Verbänden noch Spesenrechnungen ein. Als Begründung steht auf den Rechnungen dann nur: "Besprechung bei verschiedenen Ministerien."