Nicht so sehr die Sampolits als vielmehr die Parteiorganisationen in der Armee, waren vor allem seit 1955 der Anlaß zu Auseinandersetzungen zwischen dem Parteiapparat und der Armee. Von Seiten der Armee wurde immer offener gefordert, daß die Parteiorganisationen in den Streitkräften sich vor allem darauf beschränken sollten, die Autorität der Armeekommandeure zu stärken. "Die politischen Organe und die Parteieinheiten müssen die Autorität der Kommandeure und Unteroffiziere, die die unmittelbaren Vorgesetzten und Erzieher der Soldaten sind, täglich festigen" forderte die Armeezeitung "Krasnaja Swesda" (Roter Stern) am 17. August 1955.

Noch deutlicher sprach sich Marschall Schukow auf der Parteikonferenz des Moskauer Wehrbezirks unmittelbar vor dem 20. Parteitag aus: "Im Bezirk wurden vereinzelte Versuche festgestellt, die darauf hinausliefen, die Diensttätigkeit der Kommandeure auf Versammlungen einer Kritik zu unterziehen. Derartige Versuche müssen bestraft werden. Unsere Aufgabe ist es, mit allen Mitteln die Autorität der Kommandeure zu festigen und die Forderungen der Offiziere und Generäle zu unterstützen." Diese Forderung bekräftigte Marschall Timoschenko, der am 27. April 1956 in einem Interview im Roten Stern die bedingungslose Unterstützung der Armeeoffiziere durch die Parteiorganisationen verlangte: "Die Kommunisten und Komsomolzen müssen ihrerseits in das gleiche Horn blasen wie der Kommandeur."

Im Frühjahr 1957 wagte sich die Armeeführung noch einen Schritt weiter vor. Während es bis dahin üblich war, wichtige militärpolitische Fragen auf Konferenzen zu behandeln, an denen sowohl Armeeoffiziere als auch Vertreter der politischen Hauptverwaltung teilnahmen, wurde im März von der Armeeführung eine sogenannte "All-Armeekonferenz der Otlitschniki" einberufen. Die Bezeichnung Otlitschnik, auf deutsch der Ausgezeichnete, ließ darauf schließen, daß die Delegierten dieser Konferenz nicht so sehr nach parteipolitischen als vielmehr nach militärischen Gesichtspunkten und nicht nach Rücksprache mit der Partei sondern aus eigener Initiative der Armee eingeladen wurden. Marschall Schukow hielt das Hauptreferat und betonte, wie bedauerlich es wäre, daß dies die erste Konferenz ihrer Art sei – ein Umstand, für den er die Parteiorgane verantwortlich machte.

Die Entwicklung seit dem Tode Stalins im März 1953. ist jedoch nicht nur dadurch charakterisiert, daß die Bedeutung der Parteiorganisationen in der Armee zurückging, sondern sie ist auch durch einen wachsenden politischen Einfluß der Armeeführung im Rahmen des gesamten Systems gekennzeichnet. Äußerlich kam dies durch die außerordentliche Karriere Marschall Schukows zum Ausdruck, der nach langjähriger Degradierung, unmittelbar nach Stalins Tod, zunächst zum stellvertretenden Verteidigungsminister ernannt wurde und nach dem Rücktritt Malenkows im Februar 1955 zum Verteidigungsminister der UdSSR avancierte, auf dem 20. Parteitag im Februar 1956 Kandidat des Parteipräsidiums und auf dem Juli-Plenum 1957 Mitglied dieses höchsten Organs geworden ist.

Diese steil aufsteigende Karriere war nicht das einzige, was den zunehmenden Einfluß der Armeeführung auf die politischen Geschicke des Landes deutlich werden ließ. Es dürfte heute kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß die Armeeführung beim Sturz Berijas im Juli 1953 maßgeblich mitgewirkt hatte. Unmittelbar nach dem Sturz Berijas fand jene berühmt gewordene Konferenz im Verteidigungsministerium statt, auf der die prominentesten sowjetischen Marschälle, darunter auch Marschall Schukow, den Sturz Berijas begrüßten und im Namen der Armee gelobten, auch künftig "eine treue und zuverlässige Stütze des Zentralkomitees zu sein", wohlgemerkt: eines Zentralkomitees, das die in der Armee so verhaßten NKWD-Funktionäre verhaften und erschießen läßt. Auch bei dem Entschluß, das Konsumgüterprogramm Malenkows zu stoppen und zum Primat der Schwerindustrie zurückzukehren – der zweiten großen politischen Kontroverse nach Stalins Tod – dürfte die Armeeführung maßgeblich beteiligt gewesen sein; es war wohl kaum ein Zufall, daß unmittelbar nach dem Rücktritt Malenkows am 8. Februar 1955 Marschall Schukow Verteidigungsminister der UdSSR wurde und kurz darauf elf führende Sowjetgenerale den Marschallsrang erhielten.

Während die Armeeführung in dieser Hinsicht – wenn auch nicht immer aus denselben Gründen – mit der Partei an einem Strang zog, zeigten sich vom Frühjahr 1955 an eigene politische Vorstellungen. Das erste Zeichen dafür war die im Juni 1955 offensichtlich auf Anregung der Armeeführung, einberufene Konferenz von Schriftstellern, die sich mit militärischen Themen, befaßten. Generalleutnant Schatilow setzte sich auf dieser Konferenz für eine wahrheitsgetreue Darstellung des Jahres 1941 ein (Rehabilitierung der Armeeführer) und der Schriftsteller Wladimir Rudny forderte die Herausgabe von Biographien der großen Heerführer des vergangenen Krieges.

Der verstärkte Einfluß der Armeeführung kam auch durch die Tatsache zum Ausdruck, daß während des 20. Parteitages, am Abend des 23. Februar 1956, unter dem Vorsitz Marschall Schukows eine Sondersitzung der Armeedelegierten stattfand. Die Vermutung ist nicht von der Hand zu weisen, daß auf dieser Sitzung der Beschluß gefaßt wurde, Chruschtschows Geheimreferat schon auf diesem Parteitag zu halten; erstmalig war damit die Armeeführung als selbständiger Faktor erfolgreich in einer politischen Entscheidung von größter Tragweite in Erscheinung getreten. Dem auf dem 20. Parteitag gewählten Zentralkomitee gehörten sechs Marschälle als Vollmitglieder an: Schukow, Wassilewskij, Sokolowskij, Konjew, Malinowskij und Moskalenko während weitere zwölf Vertreter der Armee und Flotte zu Kandidaten des Zentralkomitees ernannt wurden.