In unserer Zeit regen sich in Reaktion gegen das starke Spezialistentum überall Kräfte, die die Beziehungen zwischen Geschichte und Kultur, Religion und Wirtschaft, Politik und Philosophie herausarbeiten. Gleichzeitig gewinnen übernationale Betrachtungen Bedeutung und überkonfessionelle Begegnungen werden fruchtbar. Im Rahmen dieser universalen Strömungen verdient das Hauptwerk eines italienischen Geschichtsphilosophen hohe Beachtung:

Ernesto Buonaiuti: "Geschichte des Christentums." Francke Verlag, Bern. Band I: Altertum, 398 S., 25,– DM; Band II: Mittelalter, 390 S., 25,– DM.

Buonaiuti war Professor für Philosophie und Kirchengeschichte am römischen Priesterseminar. Als Führer des Reform-Katholizismus in Italien, der Glaube und Religion an das moderne Denken angleichen wollte, stieß er jedoch auf den Widerstand der Kurie. Buonaiuti schied daher aus dem Seminar aus und wurde Professor für Geschichte des Christentums an der staatlichen Universität Rom. 1932 verlor er durch die Faschisten auch diese Professur. Er ist 1946 in Rom, unversöhnt mit seiner Kirche, gestorben.

Die "Geschichte des Christentums" darf unter den dreißig Büchern Buonaiutis als sein Hauptwerk gelten.

Der erste Band ist in der Übersetzung von Dr. Hans Markun 1948 erschienen. Er behandelt den Kampf und Sieg des Christentums im Altertum.

Der zweite, jetzt in deutscher Ausgabe erschienene Band berichtet von der Ausbreitung des Christentums und von der Krise im hohen Mittelalter. Er stellt die staatsbildende Kraft des Papstes Gregors des Großen, die Begegnung des Christentums mit dem kämpferischen Islam, die Entstehung des Karolingerreiches, den Bruch zwischen Rom und Byzanz, die Kämpfe zwischen Kaiser und Papst und den theologischen Rationalismus des Anselm von Lauterburg dar, kurz: den Aufstieg der Katholischen Kirche zur Weltmacht. Er behandelt im zweiten Teil "die Krise".

Hier kommt Buonaiutis eigene Auffassung, die 1924 zur Exkommunizierung und zum Verbot seiner Bücher geführt hat, am stärksten zum Ausdruck. Buonaiuti behauptet, daß das Christentum sich aus einer Heilsreligion im Laufe des Mittelalters zu einem philosophisch-theologischen System und einer kirchlichen Organisation entwickelt habe, und stellt ihm gegenüber die Reformbewegungen des Mönchstums und die Botschaft des Joachim von Floris.