Offiziere, Kommissare und "Sampolit"

Von Wolfgang Leonhard

Die Rivalität zwischen Parteiapparat und Armeeführung, der jetzt Marschall Schukow zum Opfer fiel, hat sich durch alle vier Jahrzehnte der sowjetischen Geschichte gezogen, ist also so alt wie die Sowjetunion selbst. Für jedermann deutlich freilich wurden die Gegensätze und Widersprüche erst nach Stalins Tod, als die Apparate sich verselbständigten. Man wird nicht fehlgehen in der Annahme, daß die Absetzung Marschall Schukows keineswegs eine Lösung darstellt, sondern im Gegenteil in der weiteren Entwicklung noch eine entscheidende Rolle spielen wird. Drei Fragen stehen in der Auseinandersetzung im Vordergrund: 1. Die Rolle der Partei innerhalb der sowjetischen Streitkräfte. 2. Der Einfluß der Armeeführung auf die politische "Generallinie". 3. Der zulässige Grad der Popularität der Armeeführer. Wir haben Wolfgang Leonhard, Verfasser des ungewöhnlich aufschlußreichen Buches "Die Revolution entläßt ihre Kinder", gebeten, zu diesen Fragen Stellung zu nehmen. Leonhard ist einer der wenigen Ost-Sachverständigen, der die Struktur Sowjetrußlands und das Gewicht der einzelnen Institutionen im Staat aus eigener Anschauung kennt, weil er dort erzogen wurde.

Wer heute die Reden Lenins und Trotzkis aus den Revolutionsjahren liest, wird immer wieder erstaunt feststellen, wie oft in ihnen Vergleiche mit der französischen Revolution zu finden sind und wie sehr die damaligen Führer im Banne dieses geschichtlichen Ereignisses gestanden haben. Es war daher kaum verwunderlich, daß am 6. April 1918, nur wenige Wochen nach der offiziellen Gründung der "Roten Arbeiter- und Bauernarmee" (wie die sowjetischen Streitkräfte bis zum Jahre 1947 genannt wurden) durch eine Verordnung Leo Trotzkis – nach dem Beispiel der französischen Revolution – politische Kommissare eingesetzt wurden. Diese Kommissare erhielten die Aufgabe, die politische Propaganda innerhalb der Armee durchzuführen und die, zum größten Teil aus dem zaristischen Heer übernommenen Offiziere, zu kontrollieren. Im Mai 1919 – zu jener Zeit waren, laut Trotzki, 30 000 zaristische Offiziere als "militärische Spezialisten" in der Roten Armee – wurde die "Politische Verwaltung" (Polituprawlenije) unter unmittelbarer Leitung des Zentralkomitees geschaffen. Noch 1920 waren nur 10,5 v. H. aller Offiziere der Roten Armee Mitglieder der Partei.

Im Verlauf der zwanziger Jahre – bis etwa zum Jahre 1935 – fand die große Umgestaltung des Offizierskorps der Roten Armee statt. Die früheren zaristischen Offiziere wurden durch neue, sowjetisch erzogene ersetzt und im Jahre 1934 bestand das Kommando- und Führungspersonal der Roten Armee bereits zu 67,8 v. H. aus Mitgliedern der Kommunistischen Partei. Damit hatte die ursprüngliche Aufgabe der politischen Kommissare längst ihren Sinn verloren, das System blieb jedoch bestehen – nun allerdings nicht mehr, um frühere zaristische Offiziere zu beaufsichtigen, sondern um Selbständigkeits- und Unabhängigkeitstendenzen der neuen sowjetischen Offiziersschicht in Schach zu halten.

Die politische Linie der Stalinzeit zwischen 1934 und 1953 war einerseits gekennzeichnet durch Konzessionen an die Armeeführung, andererseits durch einen ständigen Wechsel in der Form der politischen Kontrolle. Es wurde auf der einen Seite alles getan, um ein materiell und gesellschaftlich priviligiertes Offizierkorps zu schaffen. Nach und nach wurde vieles wieder eingeführt was die Revolution weggeschwemmt hatte: die alten militärischen Rangbezeichnungen (September 1935), der Marschalltitel (November 1935), die Wiederzulassung der Kosaken zum Wehrdienst (April 1936), die Erfindung des Ehrentitels "Held der Sowjetunion (Juli 1936), eines neuen Fahneneides mit besonderer Betonung der militärischen Disziplin (Februar 1939) und einer neuen Disziplinarordnung (Herbst 1940), die Wiedereinführung von Garde-Einheiten (Mai 1942) und der goldenen Schulterstücke (Februar 1943), dieUmbenennung der "Roten Arbeiter- und Bauernarmee" in sowjetische Streitkräfte" (Februar 1947) sowie viele andere Maßnahmen, die die Autorität der Offiziere sowohl im Lande als auch innerhalb der Armee stärken sollten.

Gleichzeitig damit aber – wenn auch mit wechselnden Methoden – wurde die politische Kontrolle der Armee ausgebaut und gefestigt. Die 1918 eingeführten "politischen Kommissare" erhielten im August 1937, wenige Wochen nach der Erschießung Tuchatschewskis und anderer höchster Militärführer neue Befugnisse, wurden aber, im August 1940, kurz nach Beendigung des Finnland-Feldzuges, im Zuge der sogenannten Timoschenko-Reform, wieder abgeschafft. An ihre Stelle traten sogenannte "Stellvertretende Kommandeure für politische Angelegenheiten", kurz Sampolits genannt, deren Tätigkeit sich nur auf die politische Agitation innerhalb der Truppenverbände beschränken sollte.