Nach dem Wechsel in der Führung des Bundesfinanzministeriums und nach der Regierungserklärung lauten die Prognosen recht unterschiedlich. Viele Stimmen warnen vor einem gar zu großen Optimismus – man vergleiche dazu den obenstehenden Artikel "Noch viel Wasser in Etzels Wein" –, während anderswo gesagt wird, man solle "das Eisen schmieden, solange es heiß ist". Auf diesen Ton war kürzlich Düsseldorf gestimmt; anläßlich der Einweihung eines gemeinsamen Neubaues der Industrie- und Handelskammer und der Börse gab es da vor der "haute finance" des Bundes einen Auftrieb an frischfröhlichen Reden unter dem Motto "Die Kapitalbildung ist unser Schicksal..."

Hierzu aus der Ansprache des Kammerpräsidenten Dr. Ernst Schneider:

"Mit der Spaltung der Welt durch politische Ideologien – hie persönliche Freiheit, hie totalitärer Zwang – sind auch die Grundfragen der Wirtschaftspolitik zu Glaubenssätzen geworden. Die Geister scheiden sich an den Fragen des Eigentums und der Eigentumsbildung, d. h. des Kapitals und der Kapitalbildung. Es ist Aufgabe von Börse und Kammer, darüber zu wachen, daß hierbei nichts verfälscht werde – daß also wirtschaftlich keine Ideologien zum Zuge kommen, die zwar den politischen totalitären Zwang öffentlich auf dem Markt verbrennen, jedoch wirtschaftlich so handeln, wie eben nur ein totalitärer Staat handeln kann. Das Gefährliche dabei ist, daß solche Ideologien allgemeine und soziale Interessen vorschützen und dadurch jedem Widerspruch das Odium des Unsozialen anhängen, so daß die moralischen Maßstäbe verfälscht werden. Steuerstaat und Wohlfahrtsstaat beruhen auf solchen Ideologien."

Dr. Schneider erklärte, die Düsseldorfer Kammer werde alles bekämpfen, was wirtschaftlich und politisch zur Unfreiheit führe. Sie werde darüber wachen, daß wirtschaftliche Unabhängigkeit nicht heiße, irgendwelche Garantien zu verkünden, sondern daß sie die Eigentumsbildung, also die Kapitalbildung, ermöglichen müsse. Er sagte hierzu wörtlich:

"Daß eine Reform des Besteuerungssystems und dabei die Ermöglichung der Eigentumsbildung notwendig sei, ist allmählich, nach den bitteren Erfahrungen der Kapitalfeindlichkeit der Vergangenheit, Allgemeingut geworden. Doch schon werden wieder Stimmen laut, daß dies frühestens 1959 durchführbar sei. Nichts wäre falscher als solche Verzögerung. Nötig sind schnelle und einfache Maßnahmen. Sie sind möglich, wenn auf jeden Perfektionismus verzichtet wird. Dieses Nationallaster des Perfektionismus haben wir seither in unseren Steuergesetzen und Steuerverordnungen bis zum Exzeß exerziert mit dem Ergebnis, daß sich niemand mehr auskennt. Wir brauchen einfache und schematische Regelungen, auch auf die Gefahr hin, daß da und dort der Gerechtigkeit nicht zu 100 Prozent Genüge getan wird. Das sollten auch die Steuerexperten und Steuerausschüsse der Wirtschaftsorganisationen bei ihren Vorschlägen endlich beachten. Denn wenn jeder etwas anderes vorschlägt, kann zum Schluß nur alles zerredet sein."

Wenn man die Verkürzung der Arbeitszeit und Erhöhungen der Löhne und Gehälter ausgleichen wolle, so gebe es nur eine einzige Chance Leistungsverbesserung durch Investitionen. Deswegen sei Kapitalbildung die notwendige Voraussetzung für jeden sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt.

Der Präsident der Rheinisch-Westfälischen Börse und Mitinhaber des Bankhauses C. G. Trinkaus, Düsseldorf, Kurt Forberg, ergänzte dies mit dem Hinweis: "Wir haben im Augenblick eine vielleicht einmalige Gelegenheit, die Verzerrungen in der Kapitalbildung zu beseitigen, und damit zu verhindern, daß durch die immer stärkere Konzentration des Eigentums an wenigen Stellen – sei es beim Staat, sei es in der Wirtschaft – eine Vermögenszusammenballung eintritt, die für unsere soziale Existenz eines Tages tödlich werden könnte."