Am 26. November jährt sich zum hundertsten Male der Todestag des Dichters Joseph Freiherr von Eichendorff. In seinem Werk gelang das scheinbare Paradoxon, daß romantisches Seelentum klassische Prägung erfuhr: daß eine geistige Provinz sich zu universaler Repräsentanz erhob. Was andere vor und nach ihm und um ihn herum erstrebten, ersehnten, versuchten, erreichte er mit so einfacher Selbstverständlichkeit, daß seine tiefsten Verse zugleich die volkstümlichsten wurden, seine ernstesten und schwersten Worte zugleich die beweglichster, und sangbarsten. In dieser Vollendung des Dichterischen kann sich selbst Goethes Lyrik nur in ihren meisterlichsten Stücken mit der des fromm-katholischen, schlichten oberschlesischen Landedelmanns und – preußischen Staatsbeamten messen.

Anläßlich des Gedenktages (hier hat seine "Wahrnehmung" einmal unbezweifelbaren Sinn, da eine jüngere Generation vielleicht schon in Gefahr ist, an so kostbarem Besitz gedankenlos vorbeizugehen) eröffnete die Bayerische Akademie der Schönen Künste im Münchener Prinz-Carl-Palais eine Ausstellung, die von Dr. Inge Feuchtmayr mit Mühe zusammengetragen und mit viel Geschick aufgebaut wurde.

Ist es ein Zufall, daß Bayerns Hauptstadt mit dieser Eichendorff-Ehrung, soweit man sieht, bislang allein dasteht? War es ein Zufall, daß der einzige Orden, den der Dichter jemals erhielt, der "Baierische Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst" war? Vielleicht wäre ein Orden des eigenen Königs unverdient gewesen für einen Geheimrat, der zwar seine Akten stets gewissenhaft erledigte, aber immerhin sich auch einmal soweit vergessen konnte, ein unbescholtenes amtliches Schriftstück mit Gedichtentwürfen zu entweihen. Welches bedenkliche Dokument hier im Original zu sehen ist.

Es ist wirklich auf eine schöne Art gelungen, durch diese Ausstellung die Eichendorff-Welt lebendig werden zu lassen; trotz den schweren Verlusten an Eichendorff-Reliquien, die durch die Zerstörung der historischen Gedenkstätten, besonders des Sterbehauses in Neiße, entstanden sind. Der Dichter des "Taugenichtses" und der großen Romane, der Sänger so manchen noch heute allgemein bekannten Volksliedes wird hier vielfältig beschworen: in handschriftlichen Blättern, Photokopien, Erstdrucken frühester und späterer Werkauflagen bis zur Gegenwart, in vielen Abbildungen des weiten Personenkreises, den er in siebzig Lebensjahren durchschritt, in geistesverwandten Bildern der romantischen Zeitgenossen, in Illustrationen von Ludwig Richter; sodann in einer dokumentarischen (zum Teil auch autobiographischen) Notenschau der bedeutendsten Eichendorff-Komponisten Schumann, Wolf, Pfitzner, Reger, Schoeck, Strauß. Sogar Musikinstrumente jener Jahre, wie sie überall bei dem naturseligen und musizierfreudigen Eichendorff klingen, klimpern, fiedeln und blasen, fehlen nicht.

Nicht vergessen sei ein von Paul Stöcklein und Inge Feuchtmayr arrangiertes Gedenkbüchlein (Süddeutscher Verlag), das unter anderen die prächtig kolorierten Lithographien von Emil Preetorius zum "Taugenichts" in Erinnerung bringt, die schon Thomas Mann gepriesen hat und die zu den anziehendsten Schaustücken der Ausstellung zählen.

Walter Abendroth

Eichendorffs Werke in einem Band liegen als Dünndruckausgabe vor in der Klassiker-Reihe des Carl Hanser Verlags, München: 1590 S., 19,80 DM.