RH-Hamburg

Wenn der Himmel im Süden abends hell ist, wissen die Hamburger, daß der Dom wieder angefangen hat. Für viele Erwachsenen bleibt das alles, was sie davon sehen, rechnet man die Plakate nicht mit, die dazu auffordern, das Volksfest des Nordens zu besuchen.

Als die heute erwachsenen Hamburger noch Kinder waren, hieß der Dom nur Dom. Ein Fest war er ebensowenig wie heute, aber ‚man mußte unbedingt hin‘ – wie man in Kleinstädten auf den Jahrmarkt muß. Reklame war nicht nötig.

Heute kann man (in verschiedenen Abwandlungen) häufig Dialoge hören wie diesen: "Schon auf’n Dom gewesen?" – "Brauchst nicht hinzugehn, da ist nichts los." Und dann geht man – vielleicht an einem Sonnabendabend – doch hin. Hat man sich gegen den Strom der "Nachmittagsschicht", die nach Hause fahren will, also gegen die Massen von Kindern mit Zuckerstangen und Quäktuten, die Treppe der U-Bahnstation hinaufgekämpft, gerät man oben, am Domeingang, sofort in eine sich mühsam voranschiebende Menge. Da ist es natürlich nicht so einfach, festzustellen, ob nicht vielleicht doch "was los ist".

Es fällt auf, daß Besucher über zwanzig in verschwindender Minderzahl sind. Die Masse, die sich träge und mühsam durch die Wege schiebt, besteht aus Jugendlichen. Daß sie "losgelassen" wären, kann niemand behaupten. Sie machen das suchend-ernsthafte Gesicht von Monteuren, die gerade überlegen, bei welcher Schraube der Fehler im Apparat wohl zu finden ist, oder, sie tragen jene Miene zur Schau, die zum Kapuzenmantelstil gehört und die ausdrückt, daß die ganze Welt sie entsetzlich langweilt – einschließlich alles dessen, was sie noch nicht kennen.

Ohne diese Miene zu verziehen, absolvieren sie – als Pflichtübungen sozusagen – die Runden in einigen der neuen Apparate, in der offenen Trommel zum Beispiel, die sich gleichzeitig rasch dreht und langsam schräg stellt und an deren Innennischen einen die Zentrifugalkraft festhält. Das Vergnügen dauert ungefähr eine Minute – viel zu lange für die vielen, die unten Schlange stehen, um auch ihre fünfzig Pfennige loszuwerden. Die ausgestiegen sind, gehen weiter, um sich anderswo technisch bewegen zu lassen.

Je mehr Chrom und je neuer der Lack – kurzum, je ähnlicher der Betrieb demjenigen ist, den man täglich auf den Straßen sieht, desto größer wird das Gedränge. Es strömt zu den Stromlinien. Es gibt auch noch Geisterbahnen – wirklich –, und die Geister selbst sind nicht modernisiert. Aber die Fahrzeuge, in denen man das grünschillernde Gerippe passiert, oder den Sarg, der auf- und zuklappt, sind dreitausend Mark wert und blitzen vor Chrom. Wer heute auf dem Dom sein Geld bezahlt, wird klar bedient. Hier ist nicht viel zu rätseln, wie etwas "in Wirklichkeit" gemacht wird. Die Phantasie darf man getrost zu Hause lassen. Es ist nicht mehr modern, Damen zu zersägen, und es ist auch nicht mehr modern, halb Fisch, halb Weib zu sein. So etwas bewegt niemanden mehr. Auch die Flöhe, die eine kleine goldene Kutsche und ein Karussell aus Messingdraht ziehen, konnten, sind weg. Oder sind sie nur schwerer zu finden, weil mehr Licht ist und mehr Lärm?