Am 20. November 19 57 vollendet Ernst Wolff sein 80. Lebensjahr

In den sonnenbeglänzten Frühlingstagen des Jahres 1916 pflegte der kriegsgefangene Fliegeroffizier Alexander Moissi seinen Mitgefangenen zuweilen den Hamlet zu rezitieren. Auf den Fällen der Zitadelle von Belle-Ile, der kleinen Felseninsel vor St. Nazaire, zauberte der große Schauspieler Ergriffenheit in die Herzen seiner heimwehkranken Kameraden: "Welch ein Mei- – sterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten!" Wußte er, ahnten sie, daß einer unter ihnen war, der "Vorbild der Lebendigen" im Sinne dieser Hamlet-Worte werden sollte?

Damals stand Ernst Wolff in der Blüte seines Lebens, befand sich noch am Beginn einer Juristenlaufbahn, der ungewöhnliche Höhen und Tiefen zu durchmessen beschieden war. Als siebtes Kind eines Generalarztes geboren, besuchte er das Berliner Wilhelms-Gymnasium, studierte die Rechte in Lausanne und Berlin und schloß seine juristische Ausbildung in der Reichshauptstadt ab. Nach dem Assessorexamen trat Ernst Wolff in die Simsonsche Anwaltskanzlei ein. Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges ging er als Offizier an die Westfront; schon nach der Marne-Schlacht geriet er schwerverwundet in französische Kriegsgefangenschaft. Im Lager auf Belle-Ile veranstaltete er juristische Vorlesungskurse, die namentlich unter den jüngeren Offizieren großen Anklang fanden. Mein Vater, sein Mitgefangener auf der Insel, hat mir oft von der Begeisterungsfähigkeit Ernst Wolffs, von seinem Arbeitswillen und seiner Hilfsbereitschaft erzählt.

Diese Eigenschaften sind für Ernst Wolff kennzeichnend geblieben. Sie standen ihm bei dem Ausbau seiner Anwaltspraxis zur Seite, die zu den bedeutendsten in Deutschland zählte. Bekannt wurde er auch durch sein anwaltliches Wirken auf internationalrechtlichem Gebiet. Häufig ist er vor den Gemischten Schiedsgerichtshöfen aufgetreten, und während der Ruhrbesetzung war er es, der Krupp vor französischen Richtern Verteidigte, Seine Kollegen wählten ihn zum Präsidenten sowohl der Berliner Anwaltskammer wie der Vereinigung der deutschen Kammervorstände, der damaligen Berufsvertretung der gesamten deutschen Anwaltschaft. Im Deutschen Juristentag, ein der deutschen Landesgruppe der International Law Association wirkte er an hervorragender Stelle.

Ernst Wolff besaß und besitzt die seltene Fähigkeit, zu geben und abzugeben. Er vermag zu leiten und anzuleiten; seine Schüler haben es erfahren. Zu seinen Referendaren haben Politiker wie der frühere Oberdirektor Pünder und Bundesminister von Merkatz, leitende Ministerialbeamte wie die Staatssekretäre Hallstein und Strauß, Universitätslehrer wie Dolle und Scheuner, Anwälte wie Duden und Rudolf Müller gehört. Viele Jahre hindurch hat Ernst Wolff mit besonderer Freude in der Berliner Prüfungskommission für das Assessorexamen mitgewirkt. Das Allgemeine und das Besondere leben in ihm auf eine überzeugende Art. So kann es nicht wundernehmen, daß gerade jüngere Juristen sich frühzeitig zu ihm hingezogen fühlten. Ihnen wußte er zu der Einsicht zu verhelfen, die er selbst einmal so formulierte: "Wer das Leben dem Recht anpaßt, der gewinnt auch Verständnis, für die Aufgabe, das. Recht dem Leben anzupassen."

Bittere Zeiten blieben Ernst Wolff in den dreißiger Jahren nicht erspart. Kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges ging er nach England hinüber. Auch er machte die Erfahrung, von der Reinhold Schneider gesagt hat: wie der Mensch die Zeit seines Dienstes nicht wählen kann, So auch nicht den Ort, an dem er dienen soll. Aber Ernst Wolff, der seiner inneren Unabhängigkeit gewiß sein konnte, behielt auch fern der Heimat (die ihm unverändert Heimat war) die geistige Freiheit. Weiterhin vertrat er den deutschen Juristenstand, wie schon vordem und wie noch heute, in der großen Organisation der International Law Association. Er, der deutsche Jurist, hielt mitten im zweiten Weltkrieg vor der britischen Grotius Society ein Referat über Rechtsprobleme des Besatzungsrechts; er, der deutsche Jurist, wurde von der britischen Regierung an den Vorarbeiten für die rechtliche Regelung der Nachkriegsverhältnisse beteiligt. Ernst Wolff wußte auch damals – anders als die von Kant gescholtenen Empiriker der Jurisprudenz – nicht nur, was rechtens ist, sondern gleichermaßen, was Recht ist und bleibt.

Nicht wissen freilich konnte er zu jener Zeit, in welchem Maße er mit diesen Problemen nach dem Kriege beschäftigt sein würde. Das Leben Ernst Wolffs ist immer arbeitsreich gewesen; er. hat die Arbeit als ein Dürfen, nicht als ein Müssen aufgefaßt. Damals also durfte er, damals mußte er die Hand an das Werk des Wiederaufbaues der Rechtspflege legen. Er wurde Präsident des Obersten Gerichtshofs für die Britische Zone, der dem Reichsgericht nachfolgte und dem Bundesgerichtshof voranging. Damit trat er in die Fußstapfen seines Großvaters Eduard von Simson, der nicht nur Präsident der Frankfurter Nationalversammlung von 1848 und des Deutschen Reichstages, sondern auch der erste Reichsgerichtspräsident gewesen ist.