Vier von den zwölf Federal-Reserve-Banken der USA – und unter ihnen die Bank des wichtigsten Platzes New York – haben zum Wochenende den erst im August auf 3,5 v. H. erhöhten Diskontsatz wieder auf 3 v. H. ermäßigt. Die Entspannung, die sich "drüben" bereits Mitte Oktober auf dem Geldmarkt ankündigte, wie in dem Bericht unseres New Yorker Korrespondenten in Nr. 42 ("Leichteres Geld ist nicht genug") festgestellt wurde, hat sich also ganz und gar durchgesetzt – entgegen den mannigfachen Bedenken, daß eine Lockerung der Kreditzügel jetzt noch verfrüht sei. Maßgebend für die Entscheidung im Notenbanksystem war dabei offenbar der Eindruck, daß der weitgehend spekulativ bedingte Trend zur "leichten Inflation" spürbar nachgelassen habe. Angesichts der absinkenden geschäftlichen Aktivität in sehr vielen Wirtschaftsbereichen meinte man wohl, daß es zu verantworten sei, rechtzeitig wieder eine konjunkturpolitische Anregung zu geben, um zu verhüten, daß sich die Zurückhaltung bei Käufen und Investition weiter ausbreiten und zur "recession"., zur allgemeinen Flaute also, führen könnte.

New York, im November

Von Unstimmigkeiten zwischen den Wirtschafts- und Finanzressorts der Bundesregierung in Washington und der Leitung des amerikanischen Zentralbanksystems ist oft genug die Rede gewesen. Alle diese Gegensätzlichkeiten ergaben sich im wesentlichen aus einer verschiedenen Deutung der Symptome, aus denen auf die weitere Wirtschaftsentwicklung und auf die jeweils zu ergreifenden Maßnahmen geschlossen werden mußte. Wenn man im Federal Reserve Board "überbordende" Konjunkturentwicklungen voraussah, denen mit den Mitteln der Kreditrestriktionen begegnet werden mußte, und wenn man dagegen in den Zentralbehörden befürchtete, daß solche Restriktionen zu einer Wirtschaftsflaute ("recession") führen würden, so konnte man über diese verschiedenen Ansichten beliebig lange diskutieren. In Anbetracht der unabhängigen Stellung des Federal Reserve Board konnten die Ressorts dem Board aber nicht vorschreiben, welche Politik er letzten Endes verfolgen sollte; das blieb ihm überlassen.

Als während des vergangenen Sommers unter dem Einfluß der rapide steigenden Löhne und der dadurch bedingten Erhöhung des Preisniveaus die verfügbaren Kredite immer weniger ausreichten, um das Wirtschaftsvolumen der Hochkonjunktur zu finanzieren, und als die knappen und teurer gewordenen Kredite dazu führten, daß industrielle Erweiterungsvorhaben und andere Pläne der Wirtschaft zurückgestellt wurden, da gingen die Aufträge zurück und in manchen Industriezweige! überstieg das Angebot die Nachfrage. Mr. Martin vom Federal Reserve Board nahm das zum Anlaß, um vor der Finanzkommission des Senats und in anderen Gremien seine Ansichten über die veränderte Wirtschaftssituation und über die sich daraus ergebenden Notwendigkeiten mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck zu bringen.

Mr. Martin sprach sich für eine Reduzierung der Lager, auch zu niedrigeren Preisen aus, soweit sie in Anbetracht der gesunkenen Nachfrage als zu hoch gelten mußten. Er empfahl eine Vertagung von Erweiterungsvorhaben, wenn die vorhandene Produktionskapazität als ausreichend gelten konnte, und er wies – gleichsam zur Begründung seines Standpunktes – darauf hin, daß die riesigen finanziellen Aufwendungen der Industrie für den Ausbau ihrer Anlagen und die Modernisierung ihrer Einrichtungen und Maschinen nicht unwesentlich zu den inflatorischen Entwicklungen seit dem Frühjahr 1956 beigetragen hatten. Man hatte eben, wie das hier so oft erklärt worden ist, versucht, allzuviel in zu kurzer Zeit zu erreichen, häufig mit zu geringen finanziellen Mitteln, mit zu geringen Vorräten an Materialien und gelegentlich auch mit zu wenig geeigneten Arbeitskräften.

Nun ist der inflatorische Druck ganz spürbar geringer geworden. Zum dritten Male seit August d. J. sind die Akzeptkredite verbilligt worden, und die Verzinsung der "Treasury Bills", der 91tägigen Bundesschatz Wechsel, sank wieder unter dem Diskontsatz der Notenbanken. Das sind zweifellos Erfolge der Inflationsbekämpfung, und es muß befriedigen, daß, wie vom Büro für Arbeitsstatistik gemeldet wird, die Lebenshaltungskosten aller Voraussicht nach bis Ende d. J. stabil bleiben und dann im Januar n. J. sogar zurückgehen werden. Auch haben, nach Schätzungen des Bundeswirtschaftsministeriums in Washington, die Käufe der Verbraucher nun schon zwei Monatt hintereinander eine rückläufige Tendenz gezeigt, und in manchen Kreisen rechnet man mit der Möglichkeit, daß das Weihnachtsgeschäft hinter dem vorjährigen zurückbleiben wird, und daß sich daraus ein wenig erfreuliches Lagerproblem für die Wirtschaft ergeben könnte. (Die Zahl der Beschäftigten in der Industrie hat sich im letzten Monat um etwa 117 000 verringert, und die Gesamtbeschäftigung konnte gegenüber dem Vormonat nur deshalb um 300 000 zunehmen, weil es zu einer erhöhten Beschäftigung in der Landwirtschaft gekommen war.)

Unter solchen Umständen erschienen gewisse Veränderungen in der Geld- und Kreditpolitik – also insbesondere eine Senkung der Bankrate – durchaus vertretbar, zumal schon vor einigen Wochen von gewissen Erleichterungen auf den Kreditmärkten die Rede war. Die entsprechenden Beschlüsse der vier Federal-Reserve-Banken kamen freilich insofern überraschend, als gerade in der letzten Zeit die Notwendigkeit schärfster Wachsamkeit gegenüber allen möglichen inflatorischen Entwicklungen von prominentester Stelle erneut betont worden ist.