Ende November treffen Filmproduzenten aus Frankreich, Italien und der Bundesrepublik in Hamburg zu Besprechungen über den Film im Gemeinsamen Marktzusammen. Ein diffiziles Arbeitsprogramm ist zu bewältigen. Filmexperten und Regierungsvertreter jener drei maßgeblichen Filmländer Europas haben bisher mit Verhandlungen in München, Mailand, Berlin und (kürzlich) auf der Insel Ischia das Gelände sondiert und sogar schon erste Schritte auf dem Wege zu einem liberalisierten "Film-Europa" versucht. Aus einem Gespräch mit Rechtsanwalt Dr. Wolf Schwarz, Vorstandsmitglied der Bavaria Filmkunst AG, München, mit der Arbeitsgemeinschaft der Filmjournalisten e. V. in Düsseldorf ging hervor, daß Schwerpunkt die Harmonisierung der wirtschaftlichen Ausgangsbasen sein wird.

Es besteht wenig Aussicht, die staatlich geschützten, geförderten und subventionierten italienischen und französischen Partner zu einem Abbau ihrer ausgeklügelten Hilfssysteme zu bewegen: im Gegenteil! Paradoxerweise wird von jenen (unter der Fahne des freien Gemeinsamen Marktes!) eine "Angleichung" des deutschen Partners durch Einbeziehung in entsprechende Subventionspraktiken angestrebt. Die Unionspartner erachten dieses für notwendig, zumal inzwischen auch Belgien ein Filmhilfgesetz erlassen hat. Erst über den Umweg einer "Subventionsharmonie" soll der "europäisch-einheitliche Liberalisierungsfortschritt" teelöffelweise verabreicht werden ...

Die deutsche Filmindustrie will jedoch keine Subventionen. Sie fordert lediglich eine erträgliche Bemessung der Vergnügungssteuer, die in 1956 (allein aus deutschen Filmen) 69 Mill. DM einbrachte. Das ist mehr als die Hälfte der 110 Mill. DM, die im gleichen Jahr in die deutsche Filmproduktion investiert werden konnten. Aber hier liegt "der Star auf Eis". Es dürfte selbst unter dem Europastern kaum gelingen, in Sachen Vergnügungssteuer zu einer vernünftigen Regelung zu kommen, da diese Steuer eben Privileg und Pfründe der kleinstaatlichen Länder und der Gemeinden ist.

In Kenntnis dieser Hoffnungslosigkeit werden nun von der Filmindustrie privatwirtschaftliche Vereinbarungen angestrebt, über die bereits internvertraulich beraten wurde und durch die ihre Kalkulationen um etwa 36 Mill. DM gesenkt werden könnten. (In der Debatte fiel das Wort vom "Filmgroschen".) 36 Mill. DM bedeuten in der Praxis eine Entlastung in der Größenordnung der hälftigen Vergnügungssteuer.

Die Weigerung der Italiener und Franzosen, ihre nationalen Schutz- und Trutzzäune abzubauen, ist angesichts ihrer begrenzten Inlandsmärkte und des massierten Angebotes vor allem aus den USA verständlich. Sie erklären, jene Vergünstigungen fielen unter die Ausnahmebestimmungen des Artikels 93 des Europa-Vertrages. Doch die deutsche Auffassung ist ebenso gerechtfertigt. Wenn schon jeder Film in allen Ländern der Union die gleichen Chancen haben soll – dann müssen auch die Produktionsbelastungen und wirtschaftlichen Ausgangspunkte halbwegs ähnlich geartet sein, um mithalten zu können. Selbst nach einem europäischen Zusammenschluß wird der europäische Markt nicht mit dem amerikanischen vergleichbar sein. 1956 liefen im Raum des Gemeinsamen Marktes 348 Spielfilme vor 2,2 Milliarden Zuschauern. In den USA und Kanada sahen 2,8 Milliarden Menschen nur 280 Filme...

So sind Vereinfachungen und Ausbau der Co-Produktionen von internationaler Qualität und entsprechenden Marktchancen eine wichtige Aufgabe der europäischen Filmindustrie. Im Rahmen der bisherigen Verträge wird zur Zeit ein dreiseitiges Produktionsabkommen vorbereitet. Die Bundesrepublik glaubt dabei gut an den Start zu gehen, nicht zuletzt wegen ihres "Reservoirs" an Künstlern mit international bekanntem Namen, die mehrere Sprachen beherrschen. Dr. Schwarz deutete an, daß daran gedacht werden könne, 20 v. H. der gesamten deutschen Produktion international attraktiv zu gestalten.

Auf der Hamburger Tagung werden außer bereits schon diskutierten Einzelheiten des Urheber- und Steuerrechtes und eines gemeinsamen Titelregisters auch Fragen der Kontingentsbemessung und der Sozialversicherung stehen. Schwierig wird die vorgesehene gemeinsame Regelung der Gagen und der Zensur werden, die aber auf die Dauer unvermeidbar Sein dürfte. Die Filmindustrie bemüht sich ernsthaft darum, schon vor dem Zuständekommen des Gemeinsamen Marktes ihre Vorbereitungen zu treffen und gemäß "Art und Charakter ihrer Produktion" (nicht Ware, sondern Dienstleistung) zu versuchen, die Integration schneller zu realisieren, als in der angesetzten Frist von zwölf Jahren. Man sollte sie dafür loben, auch wenn sie sicherlich wissen wird, was sie tut: also auskalkuliert hat, daß der Einsatz sich lohnt. B. R -H.