Als zu Beginn des Iller-Prozesses der Vorsitzende erklärte, das Gericht werde Rechtsfragen, nicht aber militärische oder politische Grenzfragen entscheiden, wehrte er mit Recht den Einfluß nicht justitieller Betrachtungsweisen auf die Urteilsfindung ab. Gleichwohl zeigte die Verhandlung, daß sich die Richter zwangsläufig mit den gegebenen militärischen Sachverhalten zu befassen hatten. Vor der Rechtsfindung steht die Pflicht zur Erforschung der Wahrheit. Sie zwingt den Richter zur Klärung der verwickelten Tat- und Lebensverhältnisse. Reicht sein Sachverstand nicht aus, so tritt ihm als berufener Gehilfe der Sachverständige zur Seite.

Das weite Gebiet des medizinischen Sachverständigen wird in erschöpfender Fülle dargestellt im neu erschienenen

"Lehrbuch der gerichtlichen Medizin" von Albert Ponsold. Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 725 S., 69 DM.

An erster Stelle des die Beiträge namhafter Mediziner und Juristen enthaltenden Sammelwerks steht wieder die umfassende Monographie der ärztlichen Rechtskunde von Eberhard Schmidt. Zurechnungsfähigkeit bei Jugendlichen, Aussagepsychologie, Blutalkohol, gerichtliche Chemie und nicht zuletzt Versicherungsmedizin sind weitere bedeutsame Schlagworte, die zu einer beachtlichen Erweiterung des altbekannten Standardwerkes beigetragen haben.

Neben dem psychologischen und psychiatrischen Sachverständigen tritt mehr und mehr der Physiker und Chemiker in den Vordergrund. Sein Gebiet ist die Sicherung der Spuren des Verbrechens durch exakte wissenschaftliche Forschung.

Die Wichtigkeit des Indizienbeweises wird in der Öffentlichkeit vielfach verkannt. Die oft angegriffene Verurteilung durch Indizienbeweis tritt in der gerichtlichen Praxis weit in den Hintergrund vor der Bedeutung der Indizien im Vorverfahren der Kriminalpolizei und des Untersuchungsrichters. Die Sicherung der Tatspuren beschränkt sich nicht mehr auf Fingerabdrücke. Bei ihr tritt das Elektronenmikroskop so gut wie die chemische Analyse in Tätigkeit.

Erzwang in der kaum mehr als ein Jahrhundert zurückliegenden Vorzeit die Folter mit ihrer Vielfalt körperlicher Torturen ein fragwürdiges Geständnis, so sieht sich heute der Verbrecher der logischen Unerbittlichkeit exakt festgestellter Indizien gegenüber, die bereits im Vorverfahren sein Geständnis human erzwingt.