Von Ludwig Erhard

Wenn ich, der ich mich leidenschaftlich dagegenverwahre, daß der Staat als Selbstzweck und abseits vom Wohle des Volkes ein Eigenleben führen dürfe, die These vertrete: "Gebt dem Staate, was des Staates ist!", dann tue ich das aus echter Sorge, weil ich spüre, daß mein Streben, das Individuum zum Bewußtsein seiner selbst, zur freien Entfaltung, aber auch zur Eigenverantwortlichkeit zu führen, in der jüngsten Entwicklung mißverstanden zu werden droht.

Wir laufen Gefahr, in einem beziehungslosen Individualismus zu ersticken. Und zwar deshalb, weil wir den Begriff der Freiheit falsch verstehen und uns gegen besseres Wissen und wohl auch gegen unser Gewissen aus reinem Egoismus einreden wollen, daß mit der Freiheit auch das Recht verbunden sei, ohne Rücksicht auf die Gemeinschaft und den Staat das zu tun oder das zu lassen, was dem einzelnen oder der Interessengruppe gerade frommt. Das aber heiße ich eine falsch verstandene Freiheit.

Freiheit, die sozialökonomisch oder politisch nicht in ein umfassendes Ordnungssystem eingespannt und damit gebändigt ist, oder auch Freiheit, die um keine moralische Bindung weiß, wird immer im Chaotischen entarten. Während – umgekehrt – Menschen, die um den Wert und Sinn der Freiheit wissen, vor der Verantwortung erschrecken, die ihnen damit aufgebürdet ist; sie sind darum vor der Versuchung des Mißbrauchs gefeit.

In der politischen Diskussion des Alltags mag es so erscheinen, als ob mit dieser Mahnung nur die Problematik der Verteilung des Sozialprodukts oder des Volkseinkommens zwischen den sogenannten Sozialpartnern oder, darüber hinaus, zwischen allen Gruppen der Volkswirtschaft angesprochen wäre. Diese Betrachtungsweise wäre indessen – so bedeutsam sie auch ist – allzu materialistisch. Hier sei nicht etwa untersucht, ob Arbeitgeber oder Arbeitnehmer, Bauern, Mittelstand oder wer auch immer, ihren gerechten Anteil am Sozialprodukt erhalten oder untereinander in einkommensmäßig richtiger Relation stehen; es geht mir vielmehr darum, das rechte Verständnis und auch das Gefühl dafür zu wecken, daß jeder einzelne und wir alle zusammen nur gedeihen können, wenn wir uns auch unseres gemeinsamen Schicksals als Volk, als Staat bewußt bleiben – und bereit sind, uns entsprechend zu verhalten.

So stark das Gefühl der Verbundenheit in den Zeiten ärgster Not lebendig war, so sehr erschlafft es mit dem sich mehrenden Wohlstand; ja, manchmal frage ich mich selbst, ob ich recht tat, alles zu unternehmen, um den deutschen Wiederaufbau mit solcher Intensität und Schnelligkeit voranzutreiben. Diese Frage ist selbstverständlich nicht ernst gemeint. Ich würde tausendmal wieder genauso handeln, wie ich es tat. Immerhin aber macht diese Besinnung eine gewisse Enttäuschung über das Verhalten – besonders der organisierten Gruppen in unserem Volke – deutlich.

Wer spricht schon noch davon oder denkt noch daran, woher wir kamen und aus welchem Zusammenbruch wir uns erretten mußten? Wer ist noch gewillt zu berücksichtigen, daß der deutsche Wiederaufbau sich aus Schutt und Trümmern vollzog, daß wir als ein geächtetes Volk erst allmählich wieder Vertrauen und Freundschaft in der Welt finden mußten? Ja, wer denkt schon noch daran? Wir vergleichen unseren Lebensstandard mit dem des reichsten Landes der Welt, den Vereinigten Staaten, und politische Phantasten wähnen, daß wir ohne eigenes Opfer allein durch die Anstrengungen anderer Völker unsere Sicherheit und Freiheit verbürgt sehen könnten.