Der amerikanische Militärfachmann Henry A. Kissinger beweist, daß die "Schwert- und Schildtheorie" längst überholt ist

Von Theo Sommer

Verfügt der Westen eigentlich über eine brauchbare strategische Doktrin und über die nötigen Machtmittel, um jeder militärischen Herausforderung durch den Sowjetblock wirksam begegnen zu können? – diese Frage ist keineswegs neu, aber sie stellt sich, seit die beiden Sputniks um die Erde kreisen, mit erhöhter Dringlichkeit.

Bisher basierte die Verteidigungskonzeption der NATO auf der Schwert- und Schild-Theorie. Eine Schildmacht von bedeutender Größe und Stärke sollte Europa im Ernstfall (so weit östlich wie nur möglich), gegen einen etwaigen Angriff verteidigen, bis das Schwert, die mit Kernwaffen ausgestattete amerikanische Vergeltungsmacht, zum vernichtenden Gegenschlag ausholen würde. Bei dieser Vorstellung gingen die NATO-Militärs davon aus, daß die Furcht vor einer westlichen Vergeltungsaktion die Russen ohnehin von einem leichtfertigen Angriff abhalten werde.

Wesentliche Voraussetzungen für diesen Plan einer atlantischen Verteidigung sind nun aber nicht erfüllt worden. So hat die Schildmacht nie die vorgesehene Stärke von 30 Divisionen erreicht: Frankreichs Elitedivisionen sind hoffnungslos in den algerischen Kleinkrieg verstrickt, Großbritannien und die Vereinigten Staaten aber haben ihre konventionellen Streitkräfte aus fiskalischen Überlegungen reduziert und sich auf eine weitere Stärkung des abschreckenden Schwertes verlegt.

Im Augenblick kann also von einem Schild entlang der Zonengrenze keine Rede sein, bestenfalls könnte man von einer Schildwache sprechen. Statt eines Schutzwalls haben wir lediglich einen dünnen Stolperdraht, dessen Überschreitung zwar die massive atomare Vergeltungsaktion auslösen mag, der indessen einen Angreifer kaum daran hindern könnte, das Gebiet der Bundesrepublik und der übrigen westeuropäischen Staaten im ersten Anlauf zu überrollen. Und wie sollte wohl das besetzte Europa dann wieder befreit werden, wenn die außereuropäischen NATO-Partner nicht über ein Invasionsheer, sondern nur über Atombomben verfügen?

Inzwischen hat sich nun herausgestellt, daß auch auf das Schwert kein Verlaß mehr ist: die Entwicklung der Kernwaffen und Raketen – das Atom-Patt zwischen den beiden Supermächten – hat die Abschreckungstheorie in Frage gestellt. Die Drohung, jedwede Angriffshandlung des Ostens mit der "massiven Vergeltung" zu beantworten, hat ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt, seitdem: feststeht, daß die Sowjets in einer atomaren Auseinandersetzung, obwohl sie selbst von dem amerikanischen Vergeltungsschlag schwer getroffen würden, auch ihrerseits die Vereinigten Staaten im Mark verwunden könnten. Es ist zweifelhaft geworden, "ob ein amerikanischer Präsident fünfzig amerikanische Städte gegen Westeuropa eintauschen würde – fünfzig Städte, mit deren Zerstörung er. rechnen müßte, wollte er einen russischen Vorstoß über die Elbelinie mit der Auslösung des Kernwaffenkrieges beantworten."