Das Washington D. C. International, zu dem sein amerikanischer Veranstalter John Schapiro alljährlich erstklassige Pferde aus allen Ländern auf eigene Kosten einlädt, sah in diesem Jahre auch den Erlenhofer Nisos am Start. Mit seinem vierten Platz und einem Gewinn von 5000 Dollar verwies er immerhin noch so gute Pferde wie Ali Khans Stute Rose Royale, die hochfavorisiert ins Rennen ging, und zwei weitere französische Hengste auf die Plätze. Mit diesem Erfolg hat sich bestätigt, daß die deutsche Vollblutzucht allmählich wieder "ins Rennen" kommt.

Der Jahrgang 1954 der deutschen Vollblutzucht übertrifft seine Vorgänger bei weitem. In Düsseldorf, Baden-Baden und Stockholm haben unsere dreijährigen Spitzenpferde internationale Prüfungen hohen Ranges gegen erstklassige Abgesandte der französischen, englischen und schwedischen Zucht siegreich bestritten, in Paris siegte ein Pferd deutscher Abstammung im Grand Criterium, und die Stute Thila aus dem Stall Eichholz gewann den Prix du Conseil Municipal. Das Direktorium für Vollblutzucht und Rennen bezeichnete diesen Sieg eines deutschen Pferdes auf der Rennbahn von Longchamp gleich "als den größten Erfolg der deutschen Vollblutzucht seit einhundert Jahren". Ob Thilas Erfolg das wirklich war, kann man vielleicht ein wenig anzweifeln, fest steht aber, daß der Sieg dieser Stute auf einer französischen Rennbahn tatsächlich etwas ganz Außergewöhnliches war, wenn auch die ganz großen französischen Cracks nicht teilgenommen hatten.

Das nun langsam zu Ende gehende Rennjahr 1957, das die Arbeit der deutschen Pferdezüchter reich belohnte, war ein "Erlenhofer Jahr". Schon heute steht fest, daß Baron Thyssens Gestüt in diesem Jahr die höchste Gewinnsumme erreichte, die seit 1948 ein Rennstall in Deutschland erhielt. Sie liegt weit über der 400 000-DM-Grenze. Die Erlenhofer Pferde haben Gold in ihren Hufen, mehr noch als die Waldfrieder, die 1954 mit 265 000 DM einen Nachkriegsrekord aufstellten. Den 70 000 Pfund (über 800 000 Mark) gegenüber, die Englands Königin mit ihren Pferden in diesem Jahr gewann, nehmen sich diese Summen allerdings noch immer recht bescheiden aus.

Das Gestüt Erlenhof, dessen Pferde Adrian v. Borcke trainiert, stellte mit Orsini, Mogul, Nisos und dem im Besitz der Gräfin Batthyany, der Schwester, des Herrn v. Thyssen, befindlichen Nogaro vier der besten Hengste und mit Solotänzerin die zweitbeste Stute des Derbyjahrganges, der überhaupt ganz hervorragend war. Denn zu den genannten Erlenhofern kommen noch so gute Pferde wie Windfang vom Gestüt Ravensberg und vor allem die schon erwähnte Thila aus dem Besitz Eichholz, die jetztins Gestüt gewandertist.Sie alle bewiesen, daß sie, international gemessen, erste Klasse sind. So siegten Windfang im Großen Preis von Baden gegen Macip, das Pferd des französischen Textilkönigs und eigentlichen Besitzers der Firma Dior, M. M. Boussac, Nisos im Oslo Cup gegen französische und schwedische Pferde und vor allem Thila gegen Vacarme, den Zweiten des Grand Prix de Deauville, und Prinz Ali Khans Prince Taj, der im Prix de l’Arc de Triomphe gegen allerbeste Klassepferde Vierter geworden war. Die erfolgreichen Erlenhofer sind übrigens sämtlich Nachkommen des nicht mehr lebenden Deckhengstes Ticino, ebenso wie das diesjährige Spitzenpferd der Zweijährigen, die Erlenhofer Stute Andrea. Allerdings fehlten uns in diesem Jahre ältere Klassepferde. Der vorjährige Derbysieger Kilometer kam nur einmal an den Start.

Größte Erfolge erzielten die aus der Bundesrepublik stammenden Pferde in der Sowjetzone, in der übrigens der Rennsport vom Staat erheblich gefördert wird. In Berlin-Hoppegarten erzielte die Sowjetzone gegen Pferde aus Polen, der Tschechoslowakei, Sowjetrußland, Ungarn und Bulgarien zum erstenmal seit Bestehen dieses internationalen’ Treffens der Ostblockstaaten die meisten Siege. Ihr bester Dreijähriger, Tannenhäuser, stammt aus dem westlichen Gestüt Ravensberg, das beste zweijährige Pferd, Arroganz aus dem Gestüt Zoppenbroich.

Noch immer ist der geringe Umfang der Vollblutzucht ihre Hauptschwäche. Das sah man in diesem Jahre besonders deutlich. Bezeichnend war der Verkauf des Deckhengstes Nebelwerfer nach Dänemark, der ausgerechnet nach dem Sieg seines Sohnes Windfang im Großen Preis von Baden abgeschlossen wurde. Die Mutterstutenzahl unserer westlichen Vollblutzucht ist mit knapp fünfhundert Stuten viel zu klein, um alle nach Rennleistung und Abstammung qualifizierten Deckhengste genügend auszunutzen und ausprobieren zu können. Aber wo finden sich noch sportbegeisterte Männer, die etwas von ihrem vielen Geld in die Pferdezucht stecken? Unsere alten Vollblutzüchter und Besitzer, die heute auf den Rennbahnen oft wie Simplicissimus-Figuren aussehen und von jüngeren Menschen belächelt werden, haben als Idealisten den Rennsport fairer betrieben, als das heute vielfach der Fall ist.

W. F. Kleffel