Im Gegensatz zu früheren Jahren gab es auf der HV der Hamburg-Amerika-Linie (Hamburg-Amerikanische Paketfahrt-AG), Hamburg, ein Gespräch zwischen Aktionär und Verwaltung, oder besser: zwischen Großaktionär und Kleinaktionär. Die Hapag wird praktisch von der Schuchmann-Gruppe beherrscht, an deren Spitze Behrend Schuchmann, AR-Vorsitzender der Hapag, steht, der erstmals in der HV präsidierte. Für Schuchmann waren etwa 23 Mill. DM des alten 46,37 Mill. DM betragenden AK angemeldet. Das ist tatsächlich die Majorität, die auch dann erhalten bleibt, wenn das AK am 19. Dezember durch Umwandlung von Darlehen in Höhe von 29,4 Mill. zum Kurs von 120 v.H. auf 52,322 Mill. erhöht wird, weil ein Optionsvertrag auf eine entsprechende Anzahl junger Aktien schon früher abgeschlossen wurde.

Wenn nun Behrend Schuchmann, dem u. a. auch die Bugsier-, Reederei- und Bergungs-AG, Hamburg gehört,deren Bergungsschiffe "Energie" und "Ausdauer" bei der Säuberung des Suezkanals zu Beginn dieses Jahres eine bedeutende Rolle gespielt haben, sehr hausväterlich auf der HV erklärte, er sitze mit dem Kleinaktionär in einem Boot, dann hatte er von seinem Standpunkt durchaus recht. Warum soll er sich nicht ein besseres Umstellungsverhältnis als 5 : 3 gewünscht haben? Der Kleinaktionär schlug 3: 2 vor, was allerdings nur zu erreichen gewesen wäre, wenn man die Abschreibungen nicht voll ausgenutzt hätte. Da aber diese Abschreibungen schon deshalb notwendig sind, um neue Gelder für neue Schiffe freizubekommen, und die Hapag ihren demnächst erreichten Flottenbestand von 47 schnellen Frachtschiffen (395 000 tdw) und 1 Passagierschiff (7700 BRT) noch als unzureichend ansieht, konnte vom Standpunkt der Reederei aus diese Möglichkeit gar nicht in Betracht gezogen werden. Eine bessere Relation wäre nur möglich gewesen, wenn der Staat inzwischen eine Entschädigung für die nach dem Zusammenbruch als Reparation abgelieferte Flotte (160 000 BRT mit einem Schätzwert von etwa 60 Mill. RM) gezahlt hätte. Eine solche Maßnahme wäre allen Aktionären zugute gekommen, insofern sitzen sie also alle in einem Boot, dessen Steuermann natürlich Behrend Schuchmann heißt.

Die Frage des Kleinaktionärs nach den Dividendenaussichten fand der AR-Vorsitzende sehr begreiflich; auch er würde sehr gern eine Ausschüttung sehen, so sagte Schuchmann. Er machte auch kein Hehl daraus, daß für das Geschäftsjahr 1957, das ein sehr gutes Ergebnis bringen wird, ein Dividendenvorschlag möglich wäre. Aber das wäre eine Einmaligkeit, denn die Ergebnisse von 1958 und 1959 sind bereits durch 50 bis 60 Millionen DM Neubaukosten vorbelastet und außerdem lasse die Entwicklung des Frachtenmarktes rückläufige Einnahmen befürchten. Da für diese beiden Jahre kaum Dividenden möglich sind, wolle man auch für 1957 auf eine Ausschüttung verzichten, zumal man dabei noch Steuern spare.

Der Weg der Hapag ist also auf der HV deutlich vorgezeichnet worden. Er führt zum weiteren Flottenausbau, der nur über das völlige Ausnutzen der Abschreibungen möglich ist, die 1958 einen sehr hohen Stand erreichen werden. Die Relation zwischen Eigen- und Fremdmitteln muß dringend verbessert werden. Da an die Zuführung neuer Mittel von draußen nicht gedacht wird, hat jeder verdiente Pfennig bei der Reederei zu bleiben. Weil offensichtlich damit gerechnet wird, daß die Überschüsse größer sein werden als die Abschreibungsmöglichkeiten, auf die durch das Ausnutzen der Sonderabschreibungen bereits ein Vorgriff erfolgt ist, wiederholte die Verwaltung ihre Forderung auf neue zusätzliche Abschreibungen. Dabei konnte sie sich auf englische Maßnahmen berufen, die einer echten Subvention der dortigen Reedereien gleichzusetzen sind.

Es wäre zweifellos falsch zu behaupten, eine derartige Geschäftspolitik, die zu einem jahrelangen Dividendenverzicht führt, sei aktionärsfeindlich. Bei der Hapag ist der Aktionär Nutznießer eines beträchtlichen Substanzzuwachses, der sich vorläufig darin ausdrückt, daß die Hapag-Aktie trotz der nicht vorhandenen Dividendenaussichten umgerechnet mit 120 v. H. an der Börse gehandelt, wird. Im Vergleich zu anderen dividendenlosen Papieren ist das eine gute Bewertung. Wer allerdings von einer Aktie verlangt, daß sie eine jährliche Rendite bringt, um notfalls davon leben zu können, hat mit der Hapag-Aktie das falsche Papier. Das Reedereigeschäft, in allen Zeiten besonderen Risiken unterworfen, bewegt sich in eigenen Bahnen und unterliegt eigenen Gesetzen. Das muß man wissen, wenn man sein Geld in Schiffahrtsaktien anlegt. K. W.