Ein Beispiel der subjektiv-dramatischen Musik, die in ihrem geistigen Ursprung auf die Französische Revolution zurückgeht, ist Beethovens "Appassionata", die berühmteste aller Klaviersonaten. In ihr wendet sich der Vierunddreißigjährige nicht, wie das im achtzehnten Jahrhundert noch üblich war und wie er selber es später – in ganz anderem Sinne allerdings – mit seinen letzten Sonaten und Streichquartetten auch getan hat, an eine geistige Elite. Hier spricht er als Individuum den Menschen an. Daher die unerhörte Popularität dieses Werkes, über das sich selbst namhafte Musikgelehrte zu emphatischen Vergleichen haben hinreißen lassen. Von den zahlreichen Langspielaufnahmen nennen wir die wichtigsten:

Beethoven: Sonate f-Moll op.57 (Appassionata). Kempff (DG 18 021); Casadesus (Phi. A 01 618 R); Gieseking (Col. CX 1055); Rubinstein (RCA LM 1908); Richter-Haaser (Phi. A 00 325L).

Dem "Entfesselten Prometheus", dem "Vulkan der Leidenschaften", "Den gerungenen Händen", dem "Düsteren Nachtbild, unheimlich beleuchtet von mächtig zum Himmel emporlodernden Flammen" müssen exakte kompositorische Werte zugrunde liegen. Sonst hätte die Wirkung der Sonate nicht anderthalb Jahrhunderte anhalten können. Themen und Motive tragen eine dynamische Expansionskraft, melodischer wie auch rhythmischer Natur, in sich. Sie explodieren, sobald sie mit anderen zündkräftigen Gedanken in Berührung kommen, wie gleich zu Beginn des ersten Satzes deutlich wird. Die Kraftentfaltung treibt den Gang der musikalischen Ereignisse ohne Aufenthalt voran.

Ein weiterer Punkt ist die innere Einheit von Ausdruck und Mittel: Wir finden in dieser Sonate nicht einen einzigen rhetorischen Takt, nicht einen Ton, den man aus seinem Zusammenhang fortdenken könnte. Auch die unscheinbarste Wendung hat ihre Aufgabe für das Ganze. Diese "spartanisch Strenge Verwendung der musikalischen Formgesetze" – um eine Definition von Johannes Brahms zu zitieren – ist die Quelle, der Überzeugungskraft.

Nach solchen Gesichtspunkten muß sich auch die Interpretation richten, trotz aller Zugeständnisse an die Phantasie des Pianisten. Wilhelm Kempff versucht, auch an den gefährlichen Hängen dieses "Vulkanes" noch grüne Weideplätze zu entdecken. Ihm nahe, wenn auch auf anderer Stilbasis, steht Robert Casadesus. Was für Kempff Empfindsamkeit um jeden Preis, ist dem Franzosen Eleganz und Glätte – sein Landsmann Ravel hatte ihm größere Härte abgetrotzt. Erst mit Walter Gieseking kommen wir näher an den Sinn der Sonate heran, selbst wenn dem Künstler die köstliche Vehemenz und Zügigkeit der Vorkriegszeit hier stellenweise bereits verlorengegangen ist.

Eine der beiden neuesten Aufnahmen stammt von Artur Rubinstein, dem großen Chopinspieler. Seine stürmische Vitalität mutet heute ein wenig synthetisch an. Die andere Aufnahme endlich kommt von einem noch wenig bekannten Pianisten, Hans Richter-Haaser. Während man vor Rubinsteins Leistung hochachtungsvoll den Hut zieht, bekommt man bei der auch klangtechnisch wesentlich besseren Aufnahme dieses Pianisten Herzklopfen. Durch den virtuosen Glanz seiner Darstellung hindurch spürt man eine innere Verpflichtung, die Beethovens Kompromißlosigkeit entspricht. Cbr.