Seit 1954 hatten Bundesrepublik und Sowjetzone für den Interzonenhandel jeweils für das folgende Kalenderjahr auf ausdrücklichen Wunsch der östlichen Seite einen Warenaustausch von je einer Milliarde Verrechnungseinheiten (VE) vereinbart, die in der Praxis eine Bewertungsgrundlage beider Währungen im Verhältnis 1: 1 gestatten. Statt der vereinbarten 2 Mrd. VE stellte sich das tatsächlich erfüllte Austauschvolumen – ohne die besonders verrechneten Dienstleistungen – 1955 auf 1,07 und 1956 auf 1,23 Mrd. VE. In diesem Jahr werden mit etwa 1,5 Mrd. VE rd. 13 v. H. mehr Waren legal die Deutschland spaltende Grenze überqueren.

Die jetzt zum ersten Male für zwei Jahre (1958/59) vereinbarten Warenlisten belaufen sich auf jeder Seite jährlich auf 1,102 Mrd. VE, sind also um einen Betrag aufgestockt worden, der nach allen bisherigen Erfahrungen zusammen mit dem letzten Fehlbetrag von 500 Mill. VE nicht erreicht werden dürfte. Voraussetzung für die Realisierung des gesamten Volumens wäre nicht nur eine grundlegende Wandlung der Pankower Handelspolitik, die auf sowjetisches Betreiben immer stärker auf eine "Autarkie" des von Moskau kontrollierten wirtschaftlichen "Großraumes" hinausläuft, sondern auch ein Aufschwung der gesamten Produktion der Zone aus organisch gewachsenen Auftriebskräften, für die gerade gegenwärtig nicht die geringsten Anzeichen vorliegen. Obwohl die Bundesrepublik aus einer Reihe politischer und wirtschaftlicher Gründe immer wieder Zugeständnisse gemacht hat, um das handelspolitische Band zwischen beiden Teilen Deutschlands zu verstärken, waren diese Bemühungen doch nur von relativ bescheidenen Erfolgen begleitet.

Am Tage nach der Unterzeichnung der neuen Warenlisten erging sich die Ostpresse ausgiebig im Milliardenrausch. Sie unterschlug dabei wohlweislich alle Angaben über die bisher real erreichten Jahresbilanzen und schrieb die vom Westen zugestandenen Erleichterungen, vor allem die Bereitschaft zu höheren Stahllieferungen, dem Druck jener organisierten westlichen Dunkelmänner zu, die zwar in Pankow stets ein offenes Ohr, in Westberlin und in Bonn aber bei den verantwortlichen Stellen nur geschlossene Türen finden. Dem Druck dieser Männer meint man auch das neue "Konto S" der Ostberliner Notenbank bei der Frankfurter Bundesbank verdanken zu müssen, das der Sowjetzone unter ausdrücklicher vorheriger Zustimmung der "Treuhandstelle für den Interzonenhandel" in Westberlin in Ausnahmefällen ermöglichen soll, trotz ihres Mangels an geeigneten Austauschgütern über die in den Warenlisten festgelegten Kontingente hinaus die gleichen Güter auch gegen bare Westmark-Einzahlungen zu beziehen. Solche Zusatzlieferungen kommen aber nur in Betracht, wenn der übrige Austausch in normalen Bahnen verläuft und wenn die Zone Teile der von der Sowjetunion gewährten Devisenkredite zum Umtausch in DM-West benutzt,

Als die westlichen Unterhändler vor zwei Jahren zum ersten Male eine solche Regelung anboten, wurde sie von Pankow brüsk zurückgewiesen. Das gleiche geschah im vorigen Jahr. Jetzt hat die Pankower Delegationsleiterin in einem ADN-Interview diesen Vorschlag für sich in Anspruch genommen – nachdem sie während der Verhandlungen ihr dringendes Interesse an der Möglichkeit ausgedrückt hatte, zusätzlich vor allem Eisen und Stahl aus der Bundesrepublik zu beziehen. Dieses Interesse ist so groß und dringend, daß es vielleicht zusammen mit dem bisherigen jährlichen Zuwachs im nächsten Jahr eine überdurchschnittliche Ausweitung des Interzonenhandels bewirken wird. G. G.