Nahe dem Schienenstrang, auf dem der Interzonenzug bei Ludwigstadt und der Burg Lauenstein Bayern verläßt, um sich dem thüringischen – also sowjetzonalen – Saalfeld zu nähern, liegt der versteckteste, in schwierigste Grenzverhältnisse verstrickte Indüstriewinkel Bayerns. Aber was heißt hier "nahe"? Rohstoffe wie Kohle, Sand, Soda oder Kalk legen einen geradezu abenteuerlichen Weg zurück, wenn es gilt, die Porzellan- und Glasfabriken dort zu erreichen. Sie rollen nämlich von der Hauptstrecke, mitsamt ihren Güterwagen auf fahrbare Spezialgestelle für den Straßenverkehr gehoben, etwa zehn Kilometer westwärts über einen 600 Meter hohen Berg des Frankenwaldes. Die Nebenbahn, die in nördlicher Richtung die Verbindung mit Tettau herstellte, ist, weil sie ein Stück durch die "Zone" führt, seit Jahren stillgelegt. Dem Personenverkehr dienen jetzt lediglich Omnibusse. Berufspendler, die Tag für Tag aus der weiteren Umgebung eintreffen, haben unter diesen erschwerten Verkehrsverhältnissen natürlich sehr zu leiden. Die eine Zufahrtsstraße führt durchs Tal des Tettauflusses. Der westliche, steil aufsteigende Bergwald gehört bereits zu Thüringen. Den Fluß entlang verläuft der Drahtverhau. 2000 Arbeiter und Arbeiterinnen schaffen in den 6 bis 8 Werken, meist alteingesessenen Unternehmungen.

Porzellan und Glas sind die beiden Hauptbegriffe, die für den Tettauer Winkel typisch geworden sind: Gebrauchsporzellan und Elektroporzellan, aber auch kunstgewerbliche Figuren und Tiergruppen, Dosen, Leuchter, Tischlampen, Schalen und erlesenes Tischgeschirr. Voll- und halbautomatische Verpackungsgläser aller Art für die chemische, die pharmazeutische und kosmetische Branche sowie für die Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie. Wenn in einer Statistik der westdeutschen Glasindustrie davon die Rede ist, daß 1956 rund 23 000 t medizinischer Gläser und Verpackungsgläser im Gesamtwert von etwa 22 Mill. DM hergestellt wurden, kann man sicher sein, daß der Tettauer Winkel an diesem Ergebnis in hohem Maß beteiligt ist.

Die zeitweilig reduzierte Kohlenzufuhr aus dem Ruhrgebiet traf die Betriebe äußerst schwer, zumal Braunkohle aus Mitteldeutschland überhaupt nicht zu erhalten ist und die aus der Tschechei höchst unregelmäßig eintrifft. Nur gut, daß sich einige Betriebe auch noch auf ihre Zweigwerke – etwa in Hessen und in der Eifel – stützen können. Anerkennenswert ist es, daß dieses Gebiet trotz der lähmenden Sorgen technisch mit der Zeit geht. Um so dringender ist es aber, daß dem Tettauer Winkel – jenseits der Zonengrenze sieht man sofort, wenn nicht alle Schornsteine rauchen – noch mehr Hilfe wird als bis jetzt. Die erheblichen Frachtkilometer gefährden jede Wettbewerbsfähigkeit und jede soziale Bewegungsfreiheit. Wenn unter den Facharbeitern, die sehr an ihrer Heimat hängen, das Abwandern immer mehr Schule macht, könnte es sein, daß der Tettauer Winkel einmal ein toter Winkel wird ... Weko