Von Egon Vietta

Daß ein künstlerisches Prinzip nach Ablauf von nur vier Jahren die gesamte westliche Welt interessiert, ja sogar Länder wie Polen für sich gewinnt, ist in der modernen Malerei ungewöhnlich. Der Tachismus, das farbige Fleckengewebe als malerisches Prinzip, ist zum erstenmal 1953 in Paris im Salon d’Octobre repräsentativ herausgestellt worden; jetzt erobert diese neue Variante der uralten Kunst kleinere und größere Galerien.

Das Prinzip wurde in den Vereinigten Staaten durch Tobey und Pollock eingeführt. Aber es, galt doch als nur eines unter vielen. Der Deutsche Wolfgang Schulze, genannt Wols (geboren 1913 in Berlin, gestorben 1951 in Paris), dazu die Maler Bryen, Mathieu, Tapie, haben den Gedanken in Frankreich heimisch gemacht.

Woran lag es, daß ein so formloses, liberales, freilich elementares Bekenntnis zur Farbe als eine Befreiung, als ein Durchbruch empfunden werden konnte? Das ist schwer zu sagen. Als André Breton 1926 das surrealistische Manifest herausgab, wurde es als künstlerisches Prinzip verkündet, daß jeder Maler sich seinem Unbewußten überlassen, daß er eine Art Fernschreiber des Innenlebens werden sollte. Jetzt wird dieses Prinzip durch die "Tachisten" zu einer hemmungslosen Entfesselung der Farben ausgeweitet.

Viele deutsche Maler – vor allem jüngere, aber auch ältere – haben sich dieser Malerei verschrieben. Nicht nur das. Es bildet sich eine Zusammenarbeit zwischen Paris und Westdeutschland heraus, die den "europäischen Gedanken" wunderbar befruchten muß. Die ersten Ausstellungen der "Tachisten" – in Mannheim, Wiesbaden und Paris – dokumentieren bereits dieselbe Grundrichtung diesseits und jenseits des Rheins. Auch Italien bemächtigt sich desselben Farbgedankens, wie die hochtalentierten Maler Chighine, Carmassi, Aymone und Afro zeigen.

Es ist kein Zufall, daß Gustav René Hocke gerade jetzt in Rom auf die latenten Zusammenhänge zwischen Manierismus und Surrealismus hinweist, daß er jene bizarre Übertreibung ins Formlose aufdeckt, die von unserer geometrischen, strengen modernen Architektur grundverschieden ist (Hocke: "Die Welt als Labyrinth", Rowohlts Enzyklopädie). Mir scheinen verwandte Züge im heutigen Drama vorzuliegen: bei Jonesco, Vauthier, Beckett.

Der Maler Bernhard Schultze, der 1915 in Schneidemühl geboren wurde, gehört dem Frankfurter Kreis von K. O. Kötz, Otto Greis, Heinz Kreutz an. Nach Eröffnung der Ausstellung "Dialogues" in Mannheim, 1956, sprach ich zum erstenmal längere Zeit mit dem jungen Maler. Mir fiel seine durchdachte Distanz zum technisch-wissenschaftlichen Denken auf. Die kleine Zimmergalerie Franck in Frankfurt erregte Aufsehen mit den großformatigen Farbteppichen dieses Malers. Im September 1957 widmete ihm die "Galerie 22" in Düsseldorf eine Sonderausstellung.