Das ist ein Buch aus einem spröden Guß, aber aus einem einzigen. Von der harten Jugend eines Siedlerpaares im australischen Busch spannt sich der Bogen der Handlung über einen Alltag mit viel verdientem Unglück und ein wenig unerlaubtem Glück, über ein armes Leben, das in einen armen Tod mündet.

Patrick White: "Zur Ruhe kam der Baum des Menschen nie." Deutsch von Annemarie und Heinrich Boell. Kiepenheuer & Witsch, Köln-Berlin. 550 S., 19,80 DM.

Ein armer Bursch heiratet ein armes Mädel. Sie ringen der Steppe und dem Busch ein Stück Land ab, sie bringen es zu ein paar Stück Vieh, trotz Wirbelsturm, Überschwemmung und Dürre. Kinder wachsen heran. Trotz der verbissenen Liebe der Eltern wird aus dem Mädchen die kalte Frau eines reichen Mannes, aus dem Sohn ein Spieler und Dieb. Patrick White erzählt eine Geschichte scheinbar ganz ohne Moral. Nicht einmal das Laster triumphiert darin, denn im Leben der armen Leute wird auch die Sünde sehr dürftig und kläglich. Es gibt nichts als herzlich unverdiente Katastrophen, und alle Glücksfälle scheint ein eifersüchtiger Gott planlos herabregnen zu lassen – ein Gott, der offenbar zeigen will, daß man mit ihm nicht rechnen darf.

Da ist das irische Nachbarnpaar, das von Kraft strotzt und schließlich dank seiner eigenen illegalen Schnapsbrennerei dem Wahnsinn verfällt. Da ist der Dorftrottel, Bub genannt, ein Bub von fünfzig Jahren, den seine Schwester liebt; er ist das einzige, was sie auf der Welt hat – und sie erschlägt ihn, ehe sie ihn der Irrenanstalt überläßt. Auch der Mann der Postmeisterin ist als Narr verschrien, denn er nimmt Geld aus der Kasse, um sinnlose Ölflecke auf Leinwand zu schmieren. Jahre nachdem man ihn inmitten seiner Bilder erhängt gefunden hat, kommen die Sammler dahinter, daß er ein Genie war. Die Postmeisterin wird auf ihre alten Tage die Witwe eines großen Meisters und fährt in einem versilberten Auto in riesiger Staubwolke durch das arme Dorf, das inzwischen ein kleinbürgerliches Städtchen geworden ist. Das Land des Bauernpaars aber schrumpft dank der Rücksicht und Umsicht der reichen Tochter immer mehr zusammen, bis schließlich nichts übrig ist als wieder im kleine" Häuschen und ein paar Kohlköpfe.

Dem alten Bauern geht noch ein Jugendtraum in Erfüllung: Er fährt mit seiner Alten nach Sydney und sieht dort auf der Bühne den "Hamlet", den er als Schuljunge einmal gelesen hat. Seine Frau hat ihn inzwischen betrogen – wie Königin Gertrude. Aber umbringen kann er sie nicht, und sie ihn nicht. Das besorgen der Winter und der Sommer, der Wind und der Sand, der schließlich auf die Grube fällt. Er hat nie recht an Gott glauben wollen, Missionare hatten kein Glück bei ihm. Gott, das war für ihn der Regen und der Himmel, der keinen Regen schickte, das Stück Land, das er wachsen und wieder zu nichts werden sah wie seine Manneskraft, seine Jugend und seine Liebe.

Es ist ein richtiger Roman, im richtigen epischen Ton übersetzt – ein Buch, das selbst die dumpfeste Luft durch seinen großen Atem frei und gesund macht. Das Häßliche, das Unkraut, wird liebevoll betreut, und dennoch kann es die Erkenntnis nicht ersticken, die einem nähergeht als manches Heldenlied; "Die Vergangenheit ist das Wunder der kleineren Götter." Rudolf Hermann