S. L., Berlin

All jährlich vor den Totengedenktagen im November fragen sich Tausende von Westberlinern besorgt, ob man ihnen den Besuch an den Gräbern ihrer Angehörigen gestatten wird. "Man", das sind jene, in ihrer Zuständigkeit niemals genau zu ermittelnden Organe der Volkspolizei, die vor den großen Friedhöfen am Stadtrand die Schranke der Passierscheine errichtet haben.

Die größten Begräbnisstätten Berlins, die Friedhöfe von Stahnsdorf, Klein-Machnow, Ahrensfelde, Staaken und Glienicke, sind den westlichen und südwestlichen Vororten vorgelagert und befinden sich heute auf dem Gebiet der DDR. Wer sie besuchen will, muß, wie jeder Westberliner, der in die Sowjetzone reisen will, einen Passierschein haben, den die Ostberliner Volkspolizei ausstellt. Tausenden von Westberlinern ist es durch Verhandlungen zwischen dem Stadtsynodalverband, unter dessen Obhut die Friedhöfe stehen, und der Volkspolizei ermöglicht worden, einen Dauerpassierschein zum regelmäßigen Friedhofsbesuch zu erhalten.

Diese Dauerpassierscheine sind wenige Tage vor den kirchlichen Totenfesten für ungültig erklärt worden. Ursprünglich sollten sie binnen vierundzwanzig Stunden nach ihrer Abgabe durch neue ersetzt werden, doch diese Anordnung wurde von der Volkspolizei rückgängig gemacht, und durch die Bestimmung ersetzt, daß nur jeweils ein Familienangehöriger ersten Grades für nur einen der beiden Tage – Bußtag oder Totensonntag – einen Tagespassierschein zum einmaligen Besuch des Grabes erhalten könne. Neue Dauerpassierscheine würden "nach eingehender Überprüfung" der einzelnen Fälle erst Mitte Dezember oder im Januar ausgegeben werden. Alle Berliner, die keinen Dauerpassierschein besitzen, können "nur in Ausnahmefällen" eine Tagesgenehmigung erhalten. Wer gar "nur" das Grab eines verstorbenen Freundes besuchen will, hat überhaupt keine Aussicht, auf den Friedhof zu gelangen.