Es war einmal ein König, der ging geschwellter Brust durch die Lande, seines Wertes voll bewußt. Alle Welt lief ihm nach, und jeder wollte von seinem schrottischen Röckchen einen Zipfel erhaschen. Eines Tages aber kamen Wolken über den Großen Teich. Dort wurden ähnliche Könige bereits zu Massen auf Halde gelegt, und ihr Wert sank. In unserem Lande aber ging der König Schrott weiter, seines Wertes und Preises bewußt, von Hütte zu Hütte. Doch man sagte ihm: Sicherlich, du bist uns lieb, denn du bist nationaler Reichtum, aber du bist uns jetzt zu teuer.

Das schrottische Röckchen wuchs und der König überlegte, ob er "Weiße Wochen" einlegen sollte. Niemand wollte mehr die schönen grauen Preise des Frühjahrs zahlen: für ein Tönnchen 210 DM. Gestern waren sogar 175 DM fast schon zuviel. Denn seine Artgenossen von jenseits des Großen Teiches waren von 350 auf 200 DM cif Europa gefallen, und selbst die Dollargewaltigen zahlen nur noch 34 statt 68 Dollar, und über die große See fuhr man schon für 7 bis 9 Dollar gegen noch 28 Dollar vor Monaten ...

So geht nun König Schrott mit trauriger Miene durchs Land und bittet, doch ihn zu nehmen und nicht seine Brüder von drüben. Hütte für Hütte an Rhein und Ruhr hören die Gesänge. Aber sie haben just alle ein Schild vor ihre Tore gehängt mit der Aufschrift: "Heute wird frisch gebonnert." Im alten römischen Kastell Castra Bonnensia ist nämlich inzwischen aus "Ludwig, dem Verkohlten" nunmehr "Ludwig, der Eiserne" geworden. Er läuft auf neuen Sohlen und wird es wohl in dieser Woche erreichen, daß die Stahlpreise nicht um 8 bis 10 v. H., sondern vielleicht nur um 5 bis 6 v. H. erhöht werden. Was Wunder, wenn die Menschen aus den Hütten vor denen König Schrott mit seinem überlangen Mantel steht, versucht, auch einmal eine Sache im Märchenwald der Marktwirtschaft billiger zu bekommen, um die Kosten zu senken? Dazu wäre König Schrott jetzt gerade recht. – Und die Moral von der Geschieht’?

Die Jahresversammlung des Bundesverbandes der Deutschen Schrottwirtschaft e. V. (Düsseldorf) hatte den Mut, darzulegen, daß die Schrottsituätion zur Zeit genau umgekehrt wie vor Jahresfrist sei. Die rückläufige Beschäftigung in der internationalen Eisen- und Stahlindustrie, angefangen in den USA mit einer Kapazitätsausnutzung von zur Zeit 82 v. H. und einer nicht verbrauchten Schrottmenge von 4 Mill. t, die Baisse in der belgischen Stahlindustrie, der Rückgang in Japan, England und Italien, die Dämpfung in Frankreich und Deutschland, haben dazu geführt, daß vom nationalen Schrottaufkommen der Bundesrepublik zur Zeit kaum noch etwas exportiert wird, es daher mehr als ausreicht, die Hütten zu versorgen.

Der Schrottpreis steht unter Marktdruck, wogegen er sich zu wehren versucht. Minister Erhard dagegen will bei den derzeitigen Eisenpreisgesprächen in Bonn auch diese Situation nutzen und die Preiswünsche der Stahlwerke dämpfen. Die Stahlwerke ihrerseits versuchen bereits die sich verflüchtigenden Prozente bei der Preiserhöhung durch Druck auf Preise wichtiger Rohstoffe auszugleichen. An sich ist das eine Entwicklung, die gesund ist. König Schrott in Trauer kann daher für einige Zeit – aber nicht für allzulange – Optimismus erzeugen. rt.