Von Armin Mohler

A. M., Paris, im November

In Kalifornien steht ein sechzehnstöckiger Turm, der wohl die größte Sammlung von Büchern, Zeitschriften und Dokumenten zur Geschichte unserer Zeit enthält: die von dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten Hoover begründete Hoover Library. Käufe, Schenkungen und "Fischzüge" in besetzten Staaten haben dieses unermeßliche Material zusammengetragen. Daß in diesem Arsenal von bedrucktem und beschriebenem Papier erheblicher Zündstoff steckt, zeigt ein dreibändiges Werk von insgesamt 1800 Seiten, das in diesen Tagen vom Hoover Institute zu gleicher Zeit auf Französisch und auf Englisch herausgebracht wurde. Auf Französisch heißt sein Titel La Vie de France sous l’Occupation (Das Leben Frankreichs unter der Besatzung).

Im Konferenzzimmer des Pariser Verlagshauses Plön hinter der Kirche Saint-Sulpice drängen sich gespannt wie vor einer Corrida viele Herren in mittleren und älteren Jahren und einige wenige Damen. Der altangesehene Verlag, der von Poincaré bis zu Churchill und de Gaulle so viele berühmte Memoirenwerke herausbrachte, hat sich auch der drei Hoover-Bände angenommen. Und der amerikanische Journalist, der die französische Übersetzung gemacht hat, soll sie nun dem Pariser Publikum präsentieren. "Niemand als Mister Whitcomb, der unser Land seit 43 Jahren kennt, der unser Freund ist und zweimal von den Deutschen verhaftet wurde, wäre besser geeignet dazu", so stellt ihn der Verlagsleiter vor. "Denn wir Franzosen sind angesichts der Epoche, welche diese drei Bände behandeln, immer noch gespalten." Das wird sich auch im Verlauf dieser Pressekonferenz bald zeigen.

Zuerst allerdings hört man sich mit freundlicher Nachsicht das qualvolle Amerikanerfranzösisch von Mr. Whitcomb an und erfährt, daß die drei Bände ausschließlich Dokumente bringen, die bisher unveröffentlicht waren.

Schon beginnen französische Journalisten mit unschuldigen Fragen ein grausames Sezierspiel. Ob denn auch das tägliche Leben des Durchschnittsfranzosen während der Besetzung in den drei Bänden geschildert sei, lautet die erste Frage. Antwort: Wohl alle Lebensgebiete von der Rationierung und den Sozialversicherungen über die Judenfrage und das Rote Kreuz bis zur Diplomatie und den Kriegsereignissen seien beleuchtet – immer jedoch "von oben", von der Organisation her, so daß der Titel wohl richtiger lauten müßte: "Das politische Leben Frankreichs unter der Besetzung".

Die nächste Frage ist schon kitzliger: "Wird die Résistance auch dargestellt?"