Kleine "Kraniche", große Sportwagen und das Mädchen Nitribitt

Nico, Frankfurt

Eine rauhe weibliche Stimme tönte im nebligen Halbdunkel: "Wie wär’s denn mit ’nem Abstecher in meine Liebeslaube?" Ich blieb stehen. Lässig an eine spärliche Umzäunung gelehnt, stand ein Mädchen und musterte mich. Sie deutete vage auf ein paar Dutzend Autos, die hinter dem Zaun im Dunklen standen. For sale – zu verkaufen – war auf einem riesigen Schild zu lesen. "Zu einem von den Autos habe ich den Schlüssel..." meinte die Fremde jovial. Sie glaubte wohl, daß ich die Spielregeln kenne; aber ich kannte die Spielregeln nicht.

"Ick bin doch nich varrickt!" sagte ich ziemlich unwirsch. Ich sagte es im Berliner Dialekt, der mir für drastische Situationen stets eine willkommene Zuflucht ist. Die Tatsache, daß sie – in Frankfurt – so berlinisch angeraunzt wurde, machte sie zutraulich. "Aus Berlin bin ick selber", sagte sie. Und bei Nacht und Nebel am Rande einer der großen Alleen, die für das neue Frankfurt typisch sind, schüttete sie mir sodann ihr Berliner Herz aus.

"Kenn’ Sie det ooch noch?" begann jeder zweite Satz. Und aus ihren Erinnerungen ging hervor, daß sie nicht mehr so ganz taufrisch war. Nach dem Kriege eingereiht unter die Jüngerinnen der Venus vulgivaga, der umherstreunenden Venus, kannte sie das nächtliche Betriebsklima der großen Städte. In Frankfurt war sie hängengeblieben. Und weil – wie sie sagte – besonders die Amis "eine gewisse Zimmerscheu" haben, mietete sie jeden Abend das Bnutzungsrecht eines der auf diesem Platz zum Verkauf aufgereihten, gebrauchten Autos...

Es nahten andere männliche Passanten, und ich verließ die "holde Maid". Als graue Masse hockten die abgestellten Autos im Hintergrund auf der Lauer. For sale – zu verkaufen! Das Schild hing auch über dem Mädchen.

Dies war meine erste Begegnung mit der Venus vulgivaga (mot.), und ich dachte, daß der Geruch von Benzin speziell bei den amerikanischen "Liebhabern" vielleicht dazugehört: Erinnerung an erste Zärtlichkeiten.