Von Konica Schiffmann

Politischer Kurs und Kunststil – das zwanzigste Jahrhundert hat bisher genügend Beispiele für ihre Verkoppelung geliefert. Doch noch niemals, auch zu Hitlers Zeiten mit ihrer Blut-und-Boden-Literatur nicht, war dem Kunstschaffenden so genau vorgeschrieben, was er zu tun oder zu lassen hat, wie es der sozialistische Realismus getan hat: bis gestern, das heißt bis 1954, als das vielbesprochene Buch "Tauwetter" von Ilja Ehrenburg erschien. Man hat in den letzten Jahren viel gehofft, und mehrfach wurde der sozialistische Realismus totgesagt. Aber ist er das bereits?

"Ottepelj" heißt das Buch Ehrenburgs auf russisch. Meistens wird dieses "Tauwetter" (so die wörtliche Übersetzung) von einer heftigen Überschwemmung begleitet, die endgültig die Flüsse befreit. Doch das Tauwetter in der Sowjetkunst, das mit dem Tode Stalins begann und mit Ehrenburgs Roman seinen Namen fand, hat den Durchbruch noch nicht erzielt.

In der sterilen Luft der Dogmen war es eine große Tat, scharfe Kritik zu üben. Und Ilja Ehrenburg kritisierte. Polemisch, wie er von Haus aus als Journalist ist, schrieb er das Buch in der Absicht, Mißstände zu geißeln. Man könnte es als ein Programmbuch bezeichnen, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: nicht wie und was man schreiben, malen oder tanzen soll, sondern was und wie man nicht unbedingt schreiben, malen oder tanzen muß, wollte Ehrenburg darstellen. Und da die Gesetze des sozialistischen Realismus für alle Gebiete der Kunst galten, nahm er das gesamte kulturelle Leben der Sowjetunion unter die Lupe.

Der junge Ingenieur Koroteew liebt, so schildert es Ehrenburg, die Frau seines Vorgesetzten. Für einen Kommunisten ist das ein ungeheures Verbrechen, denn Liebe ist für ihn kein Naturereignis. In der Sowjetunion liebt die Braut ihren Bräutigam, der Ehemann seine Ehefrau, basta. Alles andere ist von Übel. Deshalb leugnet Koroteew vor sich selbst sein unerlaubtes Gefühl und greift einen jungen Schriftsteller an, der in seinem Buch eine ähnliche Begebenheit geschildert hat.

"Ich habe den Eindruck", – sagt Koroteew, – "daß der Autor hier eine billige Spannung hineingebracht hat. Es ist doch so, unsere Sowjetmenschen sind seelisch sauber, ernst, und die Liebe Subzows wirkt irgendwie schematisch übertragen aus den Werken bourgeoiser Verfasser auf die Seiten eines sowjetischen Romans."

Es ist nicht so, aber es muß so sein, so verlangt es die kommunistische Moral. Und so ernst und sauber, so streng puritanisch muß nicht nur der Mensch, sondern auch die Kunst sein. Wie unfruchtbar dieser Puritanismus die Kunst gemacht hat, versucht Ehrenburg besonders in der Malerei zu zeigen.

Der junge Maler Wladimir Puchow hat Erfolg. Er weiß, was man heute in Rußland von der Malerei erwartet – und liefert das Erwartete, ohne Begeisterung, skeptisch, aber mit viel handwerklichem Können. Er malt den "Helden der Arbeit" hinter seinem Schraubstock, den Direktor