Es taumeln die letzten Blätter durch den Abend. Ein ganz, ganz kleiner Schimmer von Weihnachten lugt aus den festlichen Augen der Schaufenster. Mit raschem Schritt biegst du, Gattin am Arm, in die weit offene Tür des glitzernden Eckladens, Kurfürstendamm.

"Modenschau Winter 57" steht auf der schickschwarz-schlichten Einlaßkarte. Die Treppe hinauf. Als Mann machst du betont lange Schritte, denn hier tut sich plötzlich eine Grotte weiblichen Zaubertands auf, der dich "befängt".

Im ersten Stock kleine Bühne, auf ihr, unermüdlich: les petites jolies femmes, ewig stumm und ewig lächelnd. Seitwärts hinaus, vom ersten Stock durch die Fenster, das Gelicht-Geleuchte von Berlins Boulevard. Glänzende Augen ringsum, angehaltener Atem, manchmal "Ah!" und Beifall.

Das schwebt da heran und vorbei und die Stufe links, die Stufe rechts hinunter: "Reisefieber", "Central Park", "Chez Mai", "Oktoberspaziergang", "Chamonix", "Pan American", "Good Luck", "Bois de Boulogne". Könnten Titel lyrischer Gedichte sein. Doch es sind Namen von Kleidern. Da wird die Robe zur Persönlichkeit, und das robenvorführende Mädchen zur Kleiderpuppe, namenlos, schön gewachsen, sonst nichts. Rein gar nichts?

Als Konsument modernen Nachrichtenmaterials kennst du das eine oder andere Gesicht aus den Illustrierten, vom Fernsehen. Dieses zarte Profil, jene fallende Schulter, ein zierliches Ohr, der kindliche Mund, und in allen Varianten: das Lächeln. Du kennst es wieder, die fleißigen Manager des Geschmacks haben es tief eingeprägt in deine Seele. Und so weißt du auch mancherlei über den "background von Starmannequin X. und Vorführmädchen Y. "Gossip" heißt ein "robe manteau" aus Shetland-Stoff: Gossip gleich Klatsch, und der Backfisch hinter mir tuschelt: "Hat sie nich’n süßen Gang? Is mit’m Zahnarzt verheiratet ..."

Mantelkleider also und Beige als Farbe in hundert Nuancen. Was den Pelz angeht, Breitschwanz, Nerz, Otter – frag nicht nach dem Preis. Tiefere Wissenschaft über die neue Silhouette, das Air von morgen, wurde mir nicht; jede Dame ist ohnehin längst informiert, denn was die Boutiquen jetzt noch einmal zärtlich um die weißen Schultern ihrer Mannequins legen, ist nur als Anregung gedacht, denn es wird Zeit.

Zeit für die weichen Gewebe und raffinierten Gespinste, die wärmeren, wärmenden: schon taumeln die letzten Blätter durch den Abend, es riecht nach kälterer Luft; die Gattin, die selbstverständlich zu leicht, noch sommerlich-unmodern bekleidete, schmiegt sich dir enger zur Seite. Du gehst über’n Damm, das Gesehene mild zu bedenken. Unter der Streifenmarkise, infrarot im Freien erwärmt, bestellst du Grog von Arrak und hilfst bedächtig raten: paßt das lila Barett zum grauen Persianer? Schönes Spiel, bleibe Spiel, denkst du, ein wenig um die Familienfinanzen besorgt. Und die verständige Gattin lächelt dir heiter fröstelnd entgegen. Thilo Koch