Von Herbert Martin

Paradoxerweise haben gerade in dem Zeitalter, als Spanien im Namen der Tradition "Revolution" machte, drei, vier spanische Maler der Tradition am heftigsten ins Gesicht geschlagen und der zeitgenössischen Malerei den revolutionärsten Stoß gegeben: Picabia, Mirò und Dali – und Picasso.

Picasso ist, könnte man sagen, fast zum Sinnbild seiner Epoche geworden, so sehr, daß alles willkommen ist, was seine Kunst unserem Verständnis näherbringt, besonders wenn es ein Landsmann, ein Spanier unternimmt:

Vicente Marrero: "Picasso und der Stier." Übersetzt von Werner Beutler. Illustriert. Verlag Glock und Lutz, Nürnberg. 96 S., 7,50 DM.

Den Stier in den Mittelpunkt eines künstlerischen Schaffens zu stellen, heißt, das Werk mit dem Urältesten in Mythos und Religion verknüpfen. Genau das unternimmt dieses Buch.

Vom kretischen Stier des Minos über die griechische Sage vom Raub der Europa führt eine gerade Linie zum Stierkult in der Mithras-Religion der römischen Legionäre. Diese Legionäre haben vermutlich den Stierkampf nach Spanien gebracht, wo er als corrida bis heute unentäußerbar zum Volksleben gehört.

Etwa das halbe Buch handelt vom religiösmythischen Gehalt der corrida, der immer mitspricht, bewußt oder unbewußt. Dazu kommt die Vorstellung, daß der Stier im spanischen Sprichwort und Idiom als der Urheber von Gefahren und bösen Streichen erscheint. Aber wenn wir auf dem Monumentalbild "Guernica", hoch über Grauen, Mord und Menschenqual, den ungeheuren Kopf des Stiers ragen sehen, unbewegt, vielleicht selbstgefällig und befriedigt, empfinden wir: Hier ist der Stier seiner alten mythologischen Bestimmung wiedergegeben.