Man muß es den ausländischen Touristen verzeihen, wenn sie das Schloß lärmend verlassen: Für sie ist Cecilienhof eine Reiseattraktion. Hier teilte Truman Stalin mit, daß die USA die Atombombe hätten. Die Deutschen aus der Zone freilich haben andere Gedanken in diesem Schloß: Ihre zwölfjährige Gefangenschaft scheint für sie hier beschlossen worden zu sein.

Im HO-Restaurant am Parkeingang von Sanssouci gibt es eine sehr dürftige Speisekarte und unfreundliche Kellner. Aber der Obelisk ragt noch immer zwischen Friedenskirche und Neptungrotte auf. Und wenn man in den Park geht, entzieht man sich rasch der Bezirkshauptstadt. Die Terrasse von Sanssouci schwingt sich graziös und unversehrt zum Schloß hinauf. Oben stehen die Besucher Schlange, um eingelassen zu werden. Die Fremdenführerin spricht ostpreußischen Dialekt, mit marxistischer Dialektik versetzt. Man zieht Pantoffeln über die Schuhe und schlürft hinein in den "Ausdrucksträger feudalistischen Machtbewußtseins und Machtanspruches".

Über den Haupttüren glänzen wie einst die vergoldeten Stuckreliefs mit den bacchantischen Szenen. Zwischen den Säulen steht noch die Statue des ruhenden Kriegsgottes Ares, ein Geschenk Ludwigs XV. von Frankreich an den König. Der Marmorsaal ist ein Raum heiterer Festlichkeit. Diese freie Nachbildung vom Innern des Pantheon wird von acht korinthischen Säulenpaaren gegliedert. Und durch das Oberlichtfenster in der Kuppel leuchtet der preußische Himmel. "Very fine", stöhnt die Amerikanerin aus Los Angeles. Die beiden Russinnen in Uniform lächeln, als wollten sie Besitzerstolz ausdrücken. Sie gehören zum sowjetischen Soldatensender "Wolga" in Potsdam. Ein junger Schwede fragt nach der Büste seines Königs Karls XII., ob sie noch da sei. Die Fremdenführerin nickt: "Dort, neben Kardinal Richelieu". Der Mann aus Leipzig betrachtet nachdenklich den Marmorfußboden.

Im Empfangs- und Speisezimmer wirkt das Deckengemälde Zephir und Flora von Pesne noch immer durchsichtig und heiter. Auf dem Kamin aus italienischem Marmor stehen bronzeverzierte Vasen aus schlesischem Jaspis. Halblaut übersetzt der Mann aus Leipzig die Verse über der Tür aus dem Französischen: "Ohne Gram, ohne Bitternis – jenem schleichenden und unheilvollen Gift unseres Lebensabends – streue ich noch einige Blumen auf die kurze Wegstrecke, die mir noch... die mir noch gegeben ist. O Posthumus! Die Zeit eilt dahin. Warum sollten wir uns in dieser kurzen Zeit mit so schwerwiegenden Plänen befassen?"

Die Zeit eilt dahin. Wohin ist sie mit uns seit zwölf Jahren geeilt? "Very fine", sagt die Amerikanerin. Die beiden Russinnen lächeln. Der Mann aus Leipzig ist ganz still. Alle drei folgen der Führerin ins Konzertzimmer. Es gehört zu den schönsten Innenräumen des deutschen Rokoko. Hier ist alles schwerelos. Spiegel fanden den Raum ein und geben ihn ins Unendliche weiter. Die Wandbilder von Hofmaler Pesne sind den Metamorphosen des Ovid entnommen: Erotik unter Gittern und Nymphen. Dort steht das Hammerklavier Silbermanns, und das mit Schildpatt und Perlmutter furnierte Notenpult des Königs sieht aus, als sei es noch gestern benutzt worden. Die Flötenmusik scheint noch im Raum zu schweben, die Melodie des großen Preußenkönigs.

Nebenan, im Schlaf- und Arbeitszimmer, befremdet wie stets die – Umgestaltung im klassizistischen Stil, die Friedrich Wilhelm II. durchführen ließ. Aber im Alkoven steht noch der große Armlehnstuhl, in dem Friedrich II. starb, an 17. August 1786. Die kleine Uhr mit der Titusstatue auf der vergoldeten Kommode trägt die Inschrift: "Diem perdidi", "Ich habe einen Tag verloren." Die antike Büste Marc Aurels auf dem Kamin erbte Friedrich II. von seiner Schwester, der Markgräfin von Bayreuth. Als die Fremdenführerin das sagt, erinnert sich die Amerikanerin: "Oh, Bayreuth! Our trip to Richard Wagner..."

Erst beim Betreten der Kleinen Galerie entdeckt man, daß etwas fehlt. Die Gemälde Watteaus und seiner Schüler Pater und Lancret wurden während des Krieges nach Westdeutschland verlagert: sie kehrten noch nicht nach Sanssouci zurück. Man hat dafür eine Reihe von Porträts Friedrichs des Großen aufgehängt. Vier von den fünf Gästezimmern werden noch gezeigt – Voltaires Raum, das rot-weiß bespannte Zimmer, das blauweiße Zimmer. Im ersten Gästezimmer hat man die blaue Stoffbespannung entfernt und es im ursprünglichen Zustand wiederhergestellt.