London befahl – die Bewohner der Hebriden empörten sich vergebens – Aus vorgestern wird übermorgen

Von H. Nieter O’Leary

Uist‚ im November Una Mac’Crae ist die Frau eines Fischers auf der Hebrideninsel Uist. Seit jener Zeit, in der die Wikinger die Hebriden eroberten, lebten ihre Vorfahren auf den Inseln, und seither hat sich auch das Leben kaum verändert. Unas nachtschwarze Haare, ihre meergrauen Augen und ein heller Teint, der nie die Bekanntschaft mit moderner Kosmetik machte, verraten die Blutmischung von Wikingern und Kelten. Una spricht zwei Sprachen, wie alle auf den Inseln. Mit ihrem Mann spricht sie das archaische Gälisch und mit Besuchern Englisch. Außerdem ist Una Fey: sie hat die Gabe, in die Zukunft schauen zu können.

Die Zukunft auf den ungastlichen Inseln ist ungewiß; eine Regierung, die tief im Süden residiert, in London, hat beschlossen, daß die Inseln als Versuchsstation für Raketen benutzt werden sollen. Nun wird sich das Leben von Grund auf ändern – vom Zeitalter der Wikinger, der Feudalherrschaft der Lairds, der Clanhäupter, fast ohne Übergang in die Epoche, in der der Mensch in den Weltenraum greift. Unserer Welt geht wieder etwas Ursprüngliches verloren; ein Mikrokosmos, in welchem Menschen frei atmen und leben konnten, wie es ihnen gefiel, wird nun zu einem technischen Gefängnis umgewandelt.

Hoch oben im Norden, an der Küste Schottlands, liegen die Hebriden. Die See ringsum ist schwarz und fast immer rauh, und wenn die Strahlen einer nordischen, diesigen Sonne durch die Wolken brechen, leuchten die Felsen purpurn und blau. Von den rund achthundert Inseln sind etwa 120 bewohnt, und an diesen hängen die Menschen mit beispielloser Zähigkeit. Im Frühling graben die Männer die dünne, steinige Erdkruste um, säen Hafer und Gerste, stecken Kartoffeln; dann fahren sie im Sommer mit ihren Fischkuttern auf Heringsfang, und im Herbst ernten sie, was der Sturm übrig ließ. Danach fahren sie wieder zum Fischfang aus.

Die Hebriden sind ein topographisches Phänomen. Sie wurden durch vulkanische Eruptionen geboren, und jahrtausendelang zersplitterten die Stürme und das Meer die Felsen aus Basalt und Gneis. Schon in Wikingerzeiten wurde von den Hebriden erzählt, daß hier das Meer aus Inseln besteht und die Inseln aus Seen. Die Insel Nord-Uist hat die komplizierteste Topographie der Erde. Sie ist netzartig durchzogen von Süßwasserseen und Fjorden; die kärgliche Landwirtschaft wird vom Ruderboot aus betrieben.

Diese nordischen Inseln sind voller Sagen und Legenden, die vom Volk erzählt werden, als wären sie gestern passiert. Nur die kastenförmigen Burgen der Lairds erinnern an die Vergangenheit, sonst ist das Leben dort kaum verändert. Alles scheint wie verhext, denn nirgendwoanders als hier kriechen die Nebel von der See so schlangenhaft über die Felsen, daß sie wie die Gestalten verlorener Seelen scheinen, die aus dem Meere steigen. Die verwitterten Friedhöfe sind außergewöhnlich klein, und die bemoosten Steine tragen meistens Frauennamen. An der Mauer der kleinen Kapelle stehen die Namen der Männer, und darunter: Lost at Sea – Auf See geblieben. Ihre Namen sind von einer eigenartigen Schönheit: Aindrea, Cleireach, Diarmad, Friseal, Seoras. Die Frauen heißen :Catriona, Eilidh, Sileas, Malai, Morag, Raonaild, wie die Geliebten sagenhafter Helden. Diese Menschen kennen das Meer, als gehörte es zur Familie.