Die drei "Atomweisen" Armand, Etzel und Giordani kommen in ihrem Bericht über Ziele und Aufgaben des Euratom-Projekts zu dem Ergebnis, daß sich in den kommenden Jahrzehnten die drohende Energielücke nur durch den Einsatz großer Atomwerke schließen lassen wird. Sie sehen hier nicht lediglich eine technische Aufgabe größten Umfanges, die nur durch die zusammengeballte Kraft der einzelnen Nationalwirtschaften Europas geleistet werden kann; sie sind darüber hinaus davon überzeugt, daß die technische Entwicklung sich hier als eine der festesten Klammern für den politischen Zusammenschluß der Kernländer des alten Kontinentes erweisen werde.

All dies sind schöne, berauschende Vorstellungen, die aber, bevor sie realisiert werden können, einer sehr sorgfältigen Durchrechnung bedürfen. Dabei wird wohl noch viel Wasser in den Wein gegossen werden. So macht die Kraftwirtschaft – und zwar keineswegs die deutsche allein – ein Fragezeichen hinter der Energieprognose, die dem Bericht der drei Atomweisen zugrunde liegt. Diese gehen nämlich davon aus, daß die Weltproduktion an kommerzieller Energie in der Zeitspanne von 1870 bis 1955 jährlich um etwa 4. v. H. gestiegen sei und folgern hieraus auf eine ähnliche, wenn auch etwas abgeschwächte Entwicklung für die kommende Zeit. Immerhin, ein Energiezuwachs von 3 v. II. je Jahr erscheint ihnen für die nächsten zwanzig Jahre als sicher.

Diese Energieprognose aber dürfte nicht. auf gesicherten Voraussetzungen ruhen, betrachten wir nämlich den Zeitraum von 1870 bis 1955 in einzelnen Abschnitten, so ergibt sich, daß der Energiezuwachs von 1913 bis 1955 nur 2,13 v. H. betragen hat. Solche Differenzen schlagen mächtig zu Buch, weil sie mit der Zahl der Jahre zu multiplizieren sind. Ist für die Zukunft nur mit einer Jahreszunahme von 2 v.H. zu rechnen, dann kann nicht mehr von einer ernsten Bedrohung des wirtschaftlichen Fortschritts in Europa und der politischen Sicherheit Europas in der Welt infolge einer Energielücke die Rede sein. Der Gesamtbedarf der Eurator länder würde dann bis 1975 auf nicht ganz 150 v. H. des Verbrauchs von 1955 anwachsen.

Auch andere Überlegungen lassen einen vorsichtigen, wohlüberlegten und schrittweise erfolgenden Ausbau der Atomenergieanlagen ratsam erscheinen. Atomkraftwerke kann man nicht ein- und ausschalten, so wie es der Stromabnahme am Ende der Leitung entspricht. Man kann, wie der Energiefachmann sagt, mit Atomkraftwerken nur die Grundlast fahren, mit anderen Worten also: nur die Energiemenge erzeugen, die zu jeder Stunde des Tages mit Sicherheit abgenommen wird; das aber ist nicht sehr viel. Für den Spitzenbedarf, der in jedem Falle weit über die Hälfte, wahrscheinlich sogar sehr viel mehr beträgt, müssen die herkömmlichen Energiewerke einspringen. Auf sie können wir eben nicht verzichten, und zwar um so weniger, als bei unserer differenzierten Wirtschaft sich das Spitzenproblem eher zuspitzt als verringert (– man denke nur an das verlängerte Wochenende!). Jedenfalls wird auch künftighin die Atomenergiewirtschaft nicht das tragende Moment der Energieversorgung sein können. Die Kraftwirtschaft ist deshalb der Auffassung, es sei besser, eine Steigerung der Rohenergiegewinnung zu erreichen und vor allem auch die zur Verfügung stehende Energie rationeller zu nutzen. Hierfür aber seien noch reiche Möglichkeiten vorhanden, bei deren Anwendung man den festen Boden gesicherter Erfahrungen und ausgereifter wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht zu verlassen brauche. Offenbar denkt man hier vor allem an die Modernisierung der Zechenkraftwerke, wie überhaupt an eine stärkere Nutzung der Wärmekraftkupplung in der Industrie. Andere Möglichkeiten ergeben sich aus der fortschreitenden Eisenbahnelektrifizierung, aus den Brennstoffeinsparungen in den verschiedensten Bereichen der Wirtschaft und der Haushaltungen. Dabei werden die zum Einsparen von einer Tonne Kohle erforderlichen Anlagekosten auf weniger als ein Drittel des Betrages geschätzt, der notwendig wäre, um die Förderkapazität im Kohlenbergbau um eine zusätzliche Jahrestonne zu erhöhen.

Solche warnenden und kritischen Stimmen sollten wir sehr genau überprüfen. Wir sollten sie vor allem nicht mit dem Hinweis, daß sich hinter ihnen wirtschaftliche Interessen verbergen, beiseiteschieben, sondern daran denken, daß von jeher das privatwirtschaftliche Interesse den nüchternen Sachverstand sehr viel mehr geschärft hat als die Romantik der Technik. Die Atomenergiewirtschaft macht es notwendig, riesenhafte Beträge auf Grund von Prognosen über die Entwicklung zu investieren, die im Grunde mit Sicherheit von niemandem zu übersehen ist. Rlb.