ifrig suchen wir wieder nach Methoden, mit denen die Auseinandersetzungen zwischen der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite über Lohn- und Arbeitszeitfragen "versachlicht" werden könnten. Neben die sehr lockere Idee einer "Feststellungsstelle", welche die Aufgabe hätte, die sich oft widersprechenden statistischen Zahlen über die Entwicklung von Löhnen und Preisen auf einen Nenner zu bringen, und neben den zunächst auch nicht viel konkreteren Vorschlag von Minister Erhard, eine "Gutachterstelle" zu schaffen, die sagen soll, welche von den beiden Parteien die Dinge unter gesamtwirtschaftlichen Gesichtspunkten richtig sieht, ist (vorgeschlagen von Präsident Berg vom Bundesverband der Industrie) jetzt wieder die Forderung nach Schaffung tariflicher Schiedsstellen getreten. Berg hat hierbei auf das "Friedensabkommen" in der Schweizer Metallindustrie verwiesen, das jetzt über mehr als zwanzig Jahre Arbeitskämpfe ausgeschlossen hat.

Dieses "Friedensabkommen" wurde am 19. Juli 1937 auf zunächst zwei Jahre geschlossen und wurde dann mit jeweils fünfjähriger Laufzeit immer wieder erneuert. Derzeit gilt es bis 19. Juli 1959. Zur Wahrung des Arbeitsfriedens und um Meinungsverschiedenheiten "nach Treu und Glauben gegenseitig abzuklären" und "zu erledigen zu suchen", schuf man in der Schweizer Metallindustrie Schlichtungsstellen, und für Lohnänderungen (sowie für einige andere, genau umschriebene Fragen) sogar eine Schiedsstelle, die einen verbindlichen Spruch fällen kann. Letztere darf aber nur "bei ernsten Schwierigkeiten und nur in Ausnahmefällen" tätig werden (s. DIE ZEIT, Nr. 30 vom 25. Juli 1957: "Eidgenossen sind maßvoll").

Nun ist aber folgendes zu wissen sehr wichtig: Dieses Abkommen, das nach Auffassungen beider Parteien sich sehr bewährt und eine wirklich vertrauensvolle sachliche Zusammenarbeit der beiden Seiten zuwege gebracht hat, läßt sich auf deutsche Verhältnisse nicht ohne weiteres übertragen. Es gibt in der Schweizer Metallindustrie keine allgemeinen (kollektiven) Lohntarifverträge. Lohnänderungen erfolgen auf dem Wege des individuellen Dienstvertrages jeweils im einzelnen Betrieb. In den Betrieben bestehen flaut Abkommen) Arbeiterkommissionen, mit denen die Gewerkschaft enge Fühlung hält. Lohnänderungen können jeden Tag im Betrieb verlangt werden. – Ein grundlegender Unterschied zum deutschen System.

Wir glauben nicht, daß bei uns eine Umstellung vom Kollektivvertrag auf den Betriebstarif oder gar individuellen Dienstvertrag von einem der beiden Sozialpartner in absehbarer Zeit angestrebt wird. Etwas anderes wäre natürlich eine tarifliche Schlichtungsstelle, die nicht nur Vorschläge an die Parteien machen, sondern ihnen auch einen verbindlichen Schiedsspruch auferlegen könnte. Dies wäre ein Ziel, das anzustreben sich lohnen sollte. Wir müßten dann allerdings einen Weg finden, der – so gut es eben geht – sichern würde, daß solche Schiedsstellen nicht nur die Interessen der beiden Parteien berücksichtigen (und sich als "Halbierungsinstitution" betätigen), sondern nach allgemeinen wirtschaftspolitischen Gesichtspunkten entscheiden würden. Das wird nicht leicht sein.

Die Anregung zu dem Schweizer Friedensabkommen ging seinerzeit übrigens von den Gewerkschaften aus. In Italien waren damals die Gewerkschaften durch das Korporationssystem zu Organen des Staates geworden, in Hitler-Deutschland standen sie unter dem Diktat der NSDAP und damit indirekt unter dem des Staates. Die Schweizer sind bewußte Demokraten. Der Metallarbeiterverband wollte durch das damals vereinbarte Friedensabkommen die formale Anerkennung der Gewerkschaften als Institution und selbständiger Verhandlungspartner erreichen und damit einen Damm gegen den Faschismus errichten.

Das Abkommen hat für die gute Atmosphäre zwischen beiden Sozialpartnern viel beigetragen. Es ist in ihm mehrfach davon die Rede, daß beide Parteien sich "nach Treu und Glauben" um eine Lösung bemühen wollen. Das ist ein typischer Ausfluß schweizerischer staatsbürgerlicher Haltung. Auf die Frage, was der Schweizer unter Demokratie verstehe, wurde uns oft gesagt, ihr Grundzug sei: "Mared’ miteinand." Dies ist es: Treu und Glauben und das staatsbürgerliche Gefühl, der andere ist kein Gegner, sondern Verhandlungspartner, mit dem man reden muß und kann. litten wir doch auch solche Grundlage! F. L.