AdF, Rom, im November

Kurz vor dem Staatsbesuch des deutschen Bundespräsidenten in Rom hat eine gegen Bonn gerichtete Kampagne der italienischen Presse einen rechten Mißton in die Harmonie gebracht, die bisher zwischen beiden Ländern besteht. Mehrere angesehene Zeitungen warfen Bonn vor, die 1953 in einem Abkommen vorgesehenen deutsch-italienischen Besprechungen über die Rückführung italienischer (während des Krieges nach Deutschland entführter) Kunstwerke unnötig verschleppt zu haben. Aus Protest gegen diese Verzögerung war ein Mitglied der für diese Frage zuständigen italienischen Delegation zurückgetreten.

Wenige Tage später übermittelte der deutsche Botschafter beim Quirinal dem italienischen Außenminister Pella die Einladung zu einer Konferenz deutscher und italienischer Fachleute, die Mitte Dezember in Trier stattfinden soll. Die italienische Regierung erhielt außerdem die Versicherung, daß man auf deutscher Seite selbstverständlich nach wie vor willens ist, die etwa noch in der Bundesrepublik vorhandenen, illegal aus Italien exportierten Kunstwerke zurückzuschicken.

Ungeachtet dieser Übereinstimmung feuerte unmittelbar danach das linksbürgerliche römische Wochenblatt Espresso eine schwere Salve ab. Die haßerfüllte Veröffentlichung spekuliert offenbar auf antideutsche Gefühle. Es heißt darin, die "nazistische Bürokratie" sabotiere die Rückgabe der Gemälde. Vergeblich hätten die Italiener in vielen Fällen die Namen der deutschen Offiziere angegeben, die die vermißten Werke, darunter zwei Pollaiuolo aus den Uffizien in Florenz, seiner Zeit raubten. Der Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes, Ministerialdirektor von Trützschler, sei ein treuer Anhänger Hitlers. Das italienische Außenministerium sei gegenüber der "brutalen Arroganz" und der "Gewaltpolitik" der Deutschen zu nachgiebig. Der italienische Staatspräsident solle seinem Gast Heuss dies alles klarmachen.

In Wirklichkeit sind alle bisher in der Bundesrepublik gefundenen, Italien gehörenden Kunstgegenstände zurückgegeben worden – sogar auch einige, die freiwillig schon vor dem Krieg von den Italienern verkauft wurden, zum Beispiel die römische Kopie des Diskuswerfers von Myron. Dieses Werk wurde 1938 von der deutschen Regierung für immerhin 2 Millionen Reichsmark erworben. Damals lag auch ein Angebot des New Yorker Metropolitan Museums vor. Das deutsche Gebot war jedoch höher, und so wanderte der Diskuswerfer über die Alpen. Dennoch forderten die Italiener die Statue nach dem Kriege an, und General Clay verfügte die Rückgabe. Nach den jetzt noch von Rom reklamierten Objekten – man spricht von 600 – wird weiter gefahndet.

Die gegen Bonn ausgestreuten und leider vom italienischen Außenministerium in keiner Weise korrigierten Verdächtigungen stehen sehr im Kontrast zu der kostspieligen Nachsicht, mit der von deutscher Seite gewisse – milde gesagt – Unkorrektheiten bei der Rückgabe einiger nach dem Krieg beschlagnahmten deutschen Vermögenswerte in Italien hingenommen worden sind. So wurde das wertvolle Grundstück der deutschen Schule in Rom von der italienischen Treuhandverwaltung widerrechtlich weiterverkauft. Das Ende vom Lied ist, daß der deutsche Staat jetzt sein Eigentum, mit den Steuergeldern seiner Bürger von der "Kasse des Südens", also just von der italienischen Behörde, die sich um eine deutsche Wirtschaftshilfe für die unterentwickelten Südprovinzen bemüht, zurückzukaufen genötigt ist.

Das ist kein schöner Auftakt zur römischen Begegnung zwischen Heuss und Gronchi, zumal es sich bei diesem Besuch nicht in erster Linie um Politik, sondern um eine demonstrative Bekräftigung der deutsch-italienischen Freundschaft handelt und um die besonders dem "alten Südlandfahrer" Heuss am Herzen liegende Verstärkung der kulturellen Zusammenarbeit der beiden Völker,