V. v. Z., Saarbrücken, im November

Die strenge Kontrolle französischer Zollbeamten an der saarländisch-deutschen Landesgrenze bringt es jedem, der es vergessen haben sollte, in Erinnerung, daß das jüngste Bundesland seit dem 1. Januar dieses Jahres zwar wieder zu Deutschland gehört, aber nur in politischem Sinne. Wirtschaftlich ist das Saarland nach wie vor ein Teil der französischen Union, jedenfalls für eine dreijährige Übergangszeit. Diese Übergangszeit hatte, als sie im Saarvertrag vereinbart wurde, ihren guten Sinn. Die saarländische Wirtschaft sollte Zeit haben, sich allmählich wieder auf deutsche Verhältnisse umzustellen, zu investieren und zu modernisieren und auf dem bundesdeutschen Markt stärker Fuß zu fassen. Gleichzeitig sollte – auch im Interesse Frankreichs – der französisch-saarländische Warenaustausch erhalten bleiben.

Diese Entwicklung hätte in Ruhe ablaufen können, wenn nicht die französische Entliberalisierung und die Abwertung des Franken seit dem 12. August Umschichtungen ausgelöst hätten, welche die Saarländer weit härter treffen als die französische Bevölkerung selbst. So aber wurde aus einem Problem der Wirtschaftsexperten ein politischer Faktor, der die deutsche und die französische Regierung zu beschäftigen beginnt.

Es ist dies alles sehr rasch vor sich gegangen. Noch Ende August hat der saarländische Wirtschaftsminister Dr. Heinrich Schneider, früher der heftigste Vorkämpfer des Anschlusses, all jene als "Scharlatane" bezeichnet, die wie die Angehörigen der Deutschen Partei und danach der CDU und SPD ein schnelles Ende der Übergangszeit für nötig hielten. Soeben aber hat die Saarregierung dem Bundeskanzler ein sechzigseitiges Memorandum unterbreitet, das in eben dieser Forderung gipfelt. Das Memorandum wurde am Freitag in Saarbrücken der Öffentlichkeit übergeben.

Auf die Frage, für wann sich die Regierung die wirtschaftliche Vereinigung mit der Bundesrepublik wünsche, antwortete Dr. Schneider: "Lieber gestern als heute."

Es ist ein sachliches Dokument und um so eindrucksvoller, als seine Verfasser sich ernsthaft bemüht zeigen, die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Saar und Frankreich auch in Zukunft nicht nur zu erhalten, sondern zu erweitern. Dafür macht es eine Reihe begründeter Vorschläge. Aber man begreift auch die Sorgen einer Bevölkerung: Ihre Währung hat von 1949 bis zum September 1957 um 41 Prozent an Kaufkraft verloren, während die D-Mark nur um 7,8 Prozent zurückging. Allein im letzten Jahr sind die Lebenshaltungskosten an der Saar um zehn Prozent gestiegen, und mit der Abwertung gehen sie sprunghaft in die Höhe. Das ist für die Gruppen mit festem Einkommen, aber auch für die Rentner und Kriegsopfer und die kleinen Sparer besonders hart.

Für den Handel ist die scharfe Drosselung der Einfuhr deutscher Waren eine schwere Belastung. Überhaupt hat die Angleichung an den deutschen Markt so gut wie keine Fortschritte gemacht. Die Ausfuhr in die Bundesrepublik hat im ersten Jahr der Übergangszeit nur wenig zugenommen, während die Steigerung des Absatzes nach Frankreich von 1955 bis 1957 zweimal so hoch war wie die Gesamtausfuhr der Saar ins Bundesgebiet. Nur die Großunternehmen – Gruben, Hütten und so fort – haben von der Möglichkeit des erleichterten Bezugs deutscher Investitionsgüter nennenswert Gebrauch gemacht; die kleinen und mittleren Betriebe, Handwerk und verarbeitende Industrie, deren Modernisierung besonders dringlich wäre, waren jedoch kaum beteiligt. Für Frankreich mögen die Maßnahmen der Regierung in Paris gewiß notwendig sein, an der Saar aber vergrößern sie noch den Abstand zur deutschen Wirtschaft. Damit, so meint das Memorandum, habe die Übergangszeit ihren Sinn verloren.