Meine verehrten Leser, vielleicht werden Sie sich daran erinnern, daß in der letzten Ausgabe an dieser Stelle von Sicherheit und Rendite die Rede war, von zwei Faktoren, die für den Aktiensparer von entscheidender Bedeutung sind. Wer im eigentlichen Sinne des Wortes "spekulieren" will, also die Absicht hat, "am Kurs zu verdienen", für den haben beide Begriffe nur zweitrangige Bedeutung. Aber Spekulieren ist nach den zehn goldenen Regeln von Bernard M. Baruch, Senior der Wall Street, kein Nebenjob. Baruch sagt: "Tue es nicht, wenn du nicht Zeit genug hast, die Hintergründe zu studieren!" Wer also am Auf und Ab der Kurse verdienen will, muß schon sehr viel Sachverstand mitbringen und sich intensiv mit dem Aktienmarkt beschäftigen. Aber die wenigsten Wertpapierbesitzer sind in diesem Sinne "Spekulanten", wenngleich sie rechnen, mit der von ihnen getroffenen Auswahl beim Aktienkauf das für sie Richtige getan zu haben – und das ist auch schon eine Spekulation...

Heute möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf einige Aktien lenken, die nach meiner Ansicht für den Kleinaktiensparer besonders geeignet sind. Es handelt sich um die Papiere der sogenannten Elektro-Versorgungsindustrie, also der Stromversorgungsunternehmen. Vom Standpunkt der Sicherheit ausbieten sie dem Aktionär einen nahezu hundertprozentigen Schutz, denn bei der Bedeutung des elektrischen Stromes in unserem privaten und wirtschaftlichen Leben sowie bei der in den meisten Fällen engen Kapitalverflechtung der Unternehmen mit der öffentlichen Hand scheidet die Möglichkeit einer Insolvenz von vornherein aus. Der Strombedarf wird in den nächsten Jahrzehnten mit Sicherheit steigen, auch wenn die Konjunkturentwicklung in eine vorübergehende Stagnation geraten sollte. Von der Einnahmenseite her kommen deshalb auch kaum Sorgen. Natürlich können steigende Kosten (Kohle, Öl, Löhne und Gehälter) die Rentabilität beeinflussen, aber da die Kapazitäten ständig vergrößert werden müssen, wird kein Unternehmen auf die Pflege des Kapitalmarktes verzichten können. Das setzt "angemessene" Dividenden voraus. Andererseits wird aber auch niemand Spitzenausschüttungen erwarten dürfen, weil die Elektrizitäts-Werke in ihrer Tarifpolitik nicht frei sind. Der Strompreis ist ein politischer Preis – und die Vertreter der öffentlichen Hand in den Aufsichtsräten lassen sich nur schwer von der Notwendigkeit einer Strompreiserhöhung überzeugen, weil sie Rücksichten auf die Wähler zu nehmen haben. Den Vorständen der Gesellschaften bleibt infolgedessen in der Dividendenpolitik nur wenig Spielraum; der Aktionär muß sich darauf einstellen.

Eine "Perle" unter den Elektro-Versorgungspapieren ist die Aktie der Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG, Essen. Das Unternehmen, in einer glücklichen Rentabilitätssituation und im Besitz wertvoller Beteiligungen, hat sich als sehr dividendenfreudig erwiesen. Für 1955/56 (30. 6.) wurden zehn v. H. ausgeschüttet.Mit diesem Satz wird auch für 1956/57 zu rechnen sein, so daß sich beim Kauf einer Stammaktie zu 200 v. H. eine Bruttorendite von fünf v. H. ergibt. Das Stammkapitalbeträgt 294,5 Mill., das Vorzugskapital 120,5 Mill. (Kurs der Vorzugsaktie 190 v. H.). Außerdem existieren 13 Mill.DM Namensaktien mit 20fachem Stimmrecht, die sich im Besitz der öffentlichen Hand befinden, die zusammen mit den in ihrem Besitz befindlichen Inhaber-Aktien die Stimmenmehrheit besitzt. Die Kapitalmehrheit liegt in privaten Händen.

Von der Dividende her sehr aufgeschlossen hat sich auch die Nordwestdeutsche Kraftwerke AG, Hamburg, gezeigt, die für 1955/56 (30.9.) eine Ausschüttung von neun v. H. vornahm. Den maßgeblichen Einfluß übt hier die Preußenelektra aus, die sich wiederum in Händen des bundeseigenen Veba-Konzerns befindet. Für die Anlage in Frage kommen hier die neuen und alten Vorzugsaktien. In den alten Vorzugsaktien ist beispielsweise eine volle Jahresdividende (für 1956/57) enthalten, die aller Voraussicht nach nicht unter neun v. H. liegen wird. Die Rendite errechnet sich danach auf rund sechs v. H.

Mit einer Dividendenenttäuschung wartete die Hamburgische Electricitäts-Werke AG, Hamburg, auf, die für 1956/57 (30. 6.) bei acht v. H. Dividende blieb. Unter Berücksichtigung eines Kurses von 142 v. H. ergibt sich bei diesem Papier eine Rendite von 5,6 v. H. Da die Verwaltung erklärt hat, ihr Interesse ziele auf eine möglichst gleichbleibende Dividende, wird man künftige Dividendenhoffnungen danach einrichten müssen. Die Zukunft wird zeigen, ob diese Dividendenpolitik dann genügend Anreiz bieten wird, wenn es gilt, junge Aktien unterzubringen. (Es wird von einer Kapitalerhöhung im nächsten Jahr gesprochen). 72 v. H. des Aktienkapitals befinden sich bei der Hansestadt Hamburg.

Die Reihe der Beispiele will ich mit den Aktien der Berliner Kraft- und Licht(Bewag)-AG, Berlin, schließen. Am Kapital der Gesellschaft sind Berlin (West) mit etwa 54 v. H., Elektrowerke AG, Berlin, mit 8,75, Preußenelektra mit 8,75, Sofina Société Financiere de Transports et d’Electricite (Sodec), Luxemburg, mit rund 5,4 v. H. beteiligt. Die Börse rechnet mit einer Dividendenerhöhung von sieben auf acht v. H. für das Geschäftsjahr 1956/57 (30.6.). Die sogenannten "abgestempelten" Aktien werden mit 127 v. H. gehandelt, bei ihnen beträgt also die Rendite rund 6,3 v. H. Das ist ein Satz, der sonst kaum bei Aktien zu erzielen ist. Die Gesellschaft muß für sich ein freundliches Kapitalmarktklima schaffen, weil sie vor großen Finanzierungsaufgaben steht. Ob schon sehr bald ein Bezugsrecht zu erwarten sein wird, ist eine zweite Frage. Eine Kapitalerhöhung kann nämlich erst durchgeführt werden, wenn die Stadt Berlin die neuen Aktien des Jahrganges 1956 voll eingezahlt hat. Dazu ist ihr allerdings bis zum 30. Juni 1959 eine Vertragsfrist gelassen. Dennoch erscheint der heutige Kurs auf den ersten Blick als niedrig. Das scheint drei Gründe zu haben. Einmal war ein Aktienpaket zum Verkauf gelangt und drückte auf den Kurs; zum anderen stört, so sagte man mir an der Börse, die Tatsache, daß die Stadt Berlin das Recht hat, die Aktien im Jahre 1966 zum Kurs von 91,2 v. H. aufzukaufen. Sie hat zwar erklärt, sie würde von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch machen; da wir jedoch die Meinung des Senats nicht kennen, der 1966 in Berlin regiert, wird man den Schönheitsfehler irgendwie berücksichtigen müssen. Einen weiteren Abschlag sieht die Börse wegen des politischen Risikos als berechtigt an, das für jeden Berliner Betrieb vom Standort her vorhanden ist.

Man mag sich gegen eine solche Betrachtungsweise empören oder sie für völlig übertrieben halten, jedoch schafft man dadurch die Tatsache nicht aus der Welt, daß viele Kapitalanleger bei ihren Dispositionen auch etwaige politische Risiken berücksichtigt sehen wollen. Wenn für Sie, meine verehrten Leser, die "Insellage" Berlins kein Anlaß ist, auf eine hohe Rendite zu verzichten, dann ist die Aktie der Bewag gar kein schlechtes Anlagepapier. Bis zum nächstenmal! Ihr Securius