Von Willy Wenzke

Weit dem vergangenen Sonntag hat das neue Bundesbahnhochseefährschiff "Theodor Heuss" – eine Meisterleistung der Kieler Howaldtswerke – seinen Dienst zwischen dem schleswig-holsteinischen Fährhafen Großenbrode und dem dänischen Hafen Gedser mit täglich drei Doppelfahrten aufgenommen. Es verstärkt damit die für ganz Westeuropa so wichtige "Brücke zum Norden" über die Ostsee gerade zur rechten Zeit, weil auf der Route jetzt lediglich die beiden dänischen Fährschiffe "Kong Frederik" und "Danemark" verkehren, nachdem das bisher eingesetzte Bündesbahnfährschiff "Deutschland" nach seiner Kollision erst einmal in Kiel überholt werden muß.

Das Indienststellen des 5583 BRT großen Neubaues, der nicht nur einem schwimmenden Hotel gleicht, sondern auf Grund der mit der "Deutschland" gemachten Erfahrungen mit einem besonderen Steuerpropeller ausgestattet ist (womit bei starkem Wind und Niedrigwasser den tückischen Schwierigkeiten des Fährhafens von Großenbrode begegnet werden soll), erfolgte unter Teilnahme eines großen Aufgebots von Prominenz. Alles was zwischen Oslo, Helsinki, Stockholm, Kopenhagen und Bonn Rang und Namen hat und an einer Förderung der wirtschaftlichen Beziehungen der skandinavischen Länder mit Westeuropa interessiert ist, war zu dieser Feierstunde erschienen, um gemeinsam mit Bundespräsident Prof. Theodor Heuss die Jungfernfahrt "seines" Schiffes mitzuerleben. Der erste Präsident der Deutschen Bundesbahn, Prof. Dr. Oefterding, konnte in seiner Rede mit gutem Recht behaupten, daß jede Verkehrsverdichtung und jedes Verbessern einer Verkehrsverbindung zwischen den Ländern unseres Kontinents das Zusammenwachsen der Völker, das gegenseitige Verstehen und das Gefühl der Verbundenheit beschleunigen.

Prof. Oefterding konnte aber auch darauf hinweisen, daß dieses hypermoderne Schiff bereits für die Zukunft gebaut ist, weil es in Anlage und Technik für die künftige Fährstrecke über Puttgarden nach Rödby – also die "Vogelfluglinie" – eingerichtet wurde. Zweifellos hat die Deutsche Bundesbahn damit schon einen nicht unerheblichen Beitrag für das große Projekt der "Vogelfluglinie" geleistet, deren Verwirklichung nur vom (bisher nicht vorhandenen) Geld abhängt. Bundesverkehrsminister Dr. Seebohm gab sich allerdings sehr optimistisch und versprach, daß noch im Laufe der neuen Legislaturperiode des Bundestages entscheidende Schritte in dieser Richtung getan werden würden. Dänemark hat beachtliche Vorleistungen geschaffen; es braucht jetzt nur noch zum Verwirklichen des Projekts auf dänischer Seite etwa 52 Mill. DM aufzubringen, während die Bundesrepublik (einschließlich des Baues einer Hochbrücke über den Fehmarnsund) immerhin 130 Mill. DM aufwenden muß. Der Bundesverkehrsminister unterstrich bei dieser Gelegenheit die verkehrspolitische Bedeutung der "Vogelfluglinie" für ganz Europa: sie verringert die Reisezeit von allen Orten Westeuropas nach Kopenhagen um weitere 1 1/2 Stunden. Doch auch in einem wiedervereinigten Deutschland werden die drei jetzt bestehenden Fährstrecken Warnemünde-Gedser, Saßnitz-Trelleborg und die künftige "Vogelfluglinie" zum Bewältigen des normalen Reiseverkehrs, des laufend steigenden Touristenverkehrs und des Gütertransports notwendig sein.

Außer 1500 Passagieren kann die "Theodor Heuss" auf dem Eisenbahndeck 10 D-Zug-Wagen oder 30 Güterwagen oder aber 120 Pkw und auf dem Autodeck weitere 100 Personenkraftwagen befördern. An Bord befinden sich zwei große Restaurants, zwei. Rauchsalons, ein Friseursalon, mehrere Verkaufsstände und Ruhekabinen für müde Fahrgäste. Derartige Dinge sind auch notwendig, denn von 1952 bis 1956 hat die Zahl der beförderten Personen auf dieser Route von 129 300 auf 961 000 angezogen. In der gleichen Zeit stieg die Zahl der beförderten Personenkraftwagen von 22 400 auf 92 000.

Pech für die Bundesbahn war, daß das beim Versuch des Flottmachens der "Deutschland" gestrandete Miniaturfährschiff "Schleswig-Holstein" auch bei der Eröffnungsfahrt noch immer auf Grund lag. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident von Hassel klärte aber die Ehrengäste und ihre Damen mit Humor darüber auf, daß hier nicht etwa das Land Schleswig-Holstein gestrandet sei, vielmehr die Deutsche Bundesbahn. Denn schließlich ist die aufgelaufene Fähre Eigentum der Bundesbahn, auch wenn sie den Namen "Schleswig-Holstein" führt. Pech hatte die Bundesbahn aber auch mit den an Bord befindlichen Verkaufsständen: Sie waren geschlossen, und so konnten sich die Ehrengäste von den verlockend zur Schau gestellten Zigaretten und Zigarren nicht ein einziges Stück erstehen. Geöffnet war nur der Friseursalon. Aber wer will sich schon auf einer Jungfernfahrt die Haare schneiden lassen? Zum Trost für die normalen Passagiere der "Theodor Heuss" kann aber versichert werden, daß jetzt zwischen Großenbrode und Gedser alle Verkaufsstände auf diesem schmücken Fährschiff geöffnet sind...