Am 14. Januar 1953 wurde ein biederer Bürger namens Werner Naumann von der britischen Besatzungsmacht wegen politischer Verschwörung und Geheimbündelei verhaftet. Im März übergab man ihn der deutschen Justiz. Damit nicht genug: erst am 28. Juli 1953 wurde er aus der Untersuchungshaft entlassen. Endlich – am 3. Dezember 1953 – lehnte das Bundesgericht die Eröffnung der Hauptverhandlung ab, „da die vorhandenen Verdachtsmomente nicht ausreichten“.

Der biedere Bürger Naumann fordert jetzt: 40 000,– DM Rechtsanwaltshonorar; 50 000,–DM Lohnausfall für 7 Monate Haft; 15 000,–DM als Entschädigung für seinen Arbeitgeber. Zahlen soll die Bundesregierung. So fordert Naumann, so forderte sein Rechtsanwalt am vorigen Donnerstag vor dem 7. Zivilsenat beim Oberlandesgericht in Köln. Der arme Naumann, dem es zeitlebens übel ergangen ist, will nun endlich sein Recht.

Herr Naumann war immer „ein anständiger Mensch“ und hat immer nur „seine Pflicht getan“, meint Herr Naumann selber, meint auch sein Rechtsanwalt. Er war SS-Brigadeführer in der Leibstandarte Adolf Hitler, er war „Geschäftsführender Staatssekretär im Reichspropagandaministerium“ des Josef Goebbels, aber das ist lange her und schließlich haben wir damals „alle unsere Pflicht getan“. So meint Herr Naumann, so meinte sein Rechtsanwalt. Von 1945 bis 1950 hat er gar unter falschem Namen als „einfacher Maurer“ leben müssen, und erst 1950 konnte er – laut Rechtsanwalt – wieder eine „bürgerliche Tätigkeit“ aufnehmen.

Aber alles wäre noch zu einem Happy-End gekommen, wenn die Engländer und wenn dieser Adenauer nicht gewesen wären. Die Engländer als Besatzungsmacht spielten sich auf, und Adenauer hat sie dabei unterstützt. Dieser Adenauer hat sogar – laut Rechtsanwalt – versucht, „das Bundesgericht unter Druck zu setzen“; dieser Adenauer hat „die Prozeßakten monatelang zurückgehalten“. Der Herr Naumann ist also, so meint sein Verteidiger, „ein Opfer der Nachkriegspolitik“. Und so könne er wohl „einen Aufopferungsanspruch geltend machen“.

Die Bundesregierung allerdings ist anderer Meinung. Rechtsanwalt Dr. Knott, Prozeßbevollmächtigter der Bundesregierung, zitierte Naumann-Reden aus der Zeit vor seiner Verhaftung: „Wir wollen bereitstehen. Schon sammeln sich Kreise in Deutschland – damit wir dann, wenn die Krise kommt, eine unverbrauchte Mannschaft vorfinden ... schließen wir uns enger denn je zusammen, bilden wir eine verschworene Gemeinschaft, wenn auch zunächst nur im Hintergrund.“ Der Gerichtssaal wurde zum Sportpalast.

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Das Urteil wird Mitte Dezember erwartet. Übrigens: Wer zahlt denn die Schäden, die Herr Naumann als leitender Promi-Mann von 1933 bis 1945 angerichtet hat? Heinz Stuckmann