Agrar-Renaissance – aber nur bei hohen Investitionen

In den letzten Wochen war Prof. Dr. Karl Brandt (von der Stanford University, Kalifornien) nach langer Abwesenheit wieder in seiner alten Heimat; er benutzte diesen Besuch, um in einigen westdeutschen Städten über die agrarpolitische Entwicklung zu sprechen. Prof. Brandt hat sich dabei nicht speziell über die Möglichkeiten und Erfordernisse der deutschen Agrarpolitik geäußert. Aber wenn die These stimmt, daß "die Zukunft schon begonnen habe" – und zwar in den USA –, und daß wir in Europa etwa dieselbe Entwicklung wie dort durchmachen werden, dann ist es nicht schwer, Analogieschlüsse für die künftige landwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland zu ziehen. Danach steht uns ein scharfer Konkurrenzkampf und eine harte Auslese in der Landwirtschaft bevor.

In den nächsten Jahrzehnten wird in der Welt eher ein Überfluß als ein Mangel an Agrarprodukten herrschen, sofern die derzeitige Entwicklung nicht durch Krieg oder Krisen gestört wird. Denn die Agrarproduktion kann – nach Brandt – bei entsprechendem Kapitaleinsatz schneller als die Bevölkerungsvermehrung gesteigert werden.

Lebensmittel werden danach allen europäischen Industrieländern zur Verfügung stehen und in mehr oder weniger scharfer Form einen Preisdruck auf die eigenerzeugten Agrarprodukte ausüben. Dies wird um so mehr der Fall sein, als die Verbraucher von Nahrungsmitteln, die ja die Mehrheit eines Volkes darstellen, immer weniger geneigt sein werden, sich von der Minderheit der landwirtschaftlichen Erzeuger die Preise vorschreiben zu lassen.

Nun steht in Europa die Bildung des "Gemeinsamen Marktes" unmittelbar bevor. Ebenso wie in den USA wird dies auch in Europa zur Bildung von optimalen Standorten führen und die Konkurrenz der Landwirte im Gebiet des "Gemeinsamen Marktes" verschärfen. In der großen Entwicklung gesehen, wird bei dem kommenden verschärften Konkurrenzkampf derjenige Betrieb überleben, der die höchste Produktion je Arbeitskraft aufweist.

Das aber ist der am besten rationalisierte Betrieb. Der finanzielle Ertrag ist und bleibt nun mal eine Funktion der Produktivität. Nur wer viel produziert ("Werte schafft"), kann auch einen hohen Lebensstandard beanspruchen und durchsetzen. Die Landwirtschaft wird also hinsichtlich ihres Lebensstandards nur dann Anschluß an die Industrie finden, wenn sie die Produktion je Kopf durchschlagend erhöht. In der Praxis kann dies auf verschiedene Weise durchgeführt werden, z. B. durch Erzeugung der bisherigen Mengen an pflanzlichen und tierischen Produkten bei starkem Maschineneinsatz mit einer geringeren Anzahl Menschen. Dies bedingt und erzwingt eine Abwanderung der Menschen vom Lande in die Industrie. Die zweite Möglichkeit zur Produktivitätssteigerung je Kopf liegt darin, auf derselben Fläche wie bisher und mit denselben Menschen mehr oder hochwertigere Güter zu erzeugen, z. B. Gemüse statt Getreide, Blumen statt Kartoffeln, Geflügelfleisch statt Rindfleisch. Diese Intensivierungschance ergibt sich insbesonderefür Betriebe in Stadtnähe und für Gegenden mit vorherrschendem Kleinbetrieb in günstiger Absatzlage, wie etwa in Südwestdeutschland.

In jedem Falle aber sind hohe Investitionen erforderlich: Investitionen, von denen wir uns in Europa zur Zeit überhaupt noch keine Vorstellung machen. In den USA sind heute bereits höhere Kapitalien je Arbeitskraft in der Landwirtschaft investiert als in der Industrie (15 000 $ gegenüber 12 000 $ je Arbeitskraft). Der hohe Kapitaleinsatz in der Landwirtschaft ist verständlich, weil die Erzeugung über das Betriebsganze hin räumlich dezentralisiert ist.