KWK, Montevideo, im November

Das unerwartete Kündigen einiger Dollarkredite hat in Uruguay mehrmals drei Wochen lang eine vollkommene Einfuhrsperre notwendig gemacht, die das Wirtschaftsleben schwer erschütterte. Nicht nur das internationale Prestige, sondern auch das bisher im Land noch vorherrschende Selbstvertrauen haben einen starker. Stoß erhalten. Je mehr Zeit verging, bis die Regierung durch notdürftige Überbrückungsmaßnahmen wieder einige Ordnung auf dem Devisenmarkt herstellen konnte, um so näher mußte die öffentliche Diskussion über den unmittelbaren Anlaß der Krise an die tieferen Gründe heranführen, und um so deutlicher wurde es, daß die uruguayische Wirtschaft ihrer jetzigen Struktur nach keineswegs als ausreichend gesund um kreditwürdig gelten kann, um die unerläßliche Finanzhilfe des Auslandes zu erlangen.

Die Kredite, deren kurzfristiges Verlängern drei nordamerikanische Banken verweigerten, betrugen 26 Mill. $ und hätten es erlaubt, das Außenhandelsdefizit noch weiter ansteigen zu lassen und zugleich den Mißerfolg der Devisenneuordnung vom 3. 8. 1956 etwas länger zu vertuschen. Das Defizit entstand, weil die beiden wichtigsten Bestimmungen der Neuordnung nicht durchgeführt wurden: Um die Einfuhren in die Ausfuhren anzupassen, sollten die Importeure ihre Devisen nur durch Kauf der Ablieferungszertifikate der Exporteure erhalten; außerdem sollten sie für jedes Geschäft so große Bargarantien hinterlegen, daß ihren Käufen Grenzen gesetzt waren. Die Staatsbank teilte aber weiterhin den Importeuren die Devisen zu den gestaffelten amtlichen Kursen direkt zu, da unter dem Druck des Einfuhrbedarfs die Exportzertifikate schon bald mit Aufpreisen gehandelt worden wären, und vereitelte den restriktiven Zweck der Garantiedepots durch eine Kreditausweitung. Das erste Halbjahr 1957 brachte daher bei Einfuhren für 131 und Ausfuhren für 79 Mill. $ ein Außenhandelsdefizit von 52 Millionen, das bis Mitte Oktober auf 90 Millionen stieg.

In diesem Übergewicht der Einfuhren kommt die entscheidende Tendenz der uruguayischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte zum Ausdruck, den Konsum weit über die Produktion hinaus zu steigern. Eine von Jahr zu Jahr anwachsende öffentliche Verwaltung, eine immer größer werdende Zahl verlustbringender staatlicher Wirtschaftsbetriebe und Monopole und eine zum Teil kaum lebensberechtigte Industrie suchen sich von einer Produktion zu nähren, der alle Möglichkeiten des Wachstums versagt wurden. In einem Land, dessen Ausfuhren zu 80 v. H. aus Wolle, Fleisch und Häuten bestehen, sind sowohl der Viehbestand mit 8 Mill. Rindern und 23 Mill. Schafen, wie auch die Produktionsmethoden seit Jahrzehnten unverändert geblieben. Um von einem nachlassenden Ertrag der Viehzucht eine rasch wachsende unproduktive und immer anspruchsvollere Bevölkerung zu ernähren, werden die Preise, die der Produzent erhält, vermindert: beim Fleisch durch das Konzentrieren der Verarbeitung und Ausfuhr im Frigorifico Nacional, bei Wolle durch das Festsetzen niedriger Exportkurse. Zwischen Erzeuger und Markt sind außerdem noch kleine Verarbeitungsindustrien (Textilien und Gerbereien) eingeschoben. Der Kampf zwischen der abnehmenden Produktion und den wachsenden Ansprüchen des Konsums spielt sich vornehmlich auf dem Gebiet der Devisenbewirtschaftung ab. Da aber die Bürokratie nicht mehr den Staat als ausgleichende Gerechtigkeit verkörpert, sondern Selbstzweck geworden ist, dient das Lenken des Außenhandels durch ein kompliziertes System von 30 verschiedenen Wechselkursen nicht mehr dem Ausgleich der Interessen, sondern nur noch dem Erhalten der Bürokratie und der Bereicherung der Funktionäre.

Die Devisenbewirtschaftung ist bereits von der Regierung der USA als grundsätzliches Hindernis für das Gewähren von Krediten bezeichnet worden. Der Abbau der staatlichen Wirtschaftsbetriebe wird als weitere unerläßliche Forderung genannt werden, wenn Uruguay über kurz oder lang internationale Finanzhilfe erbittet. Im Augenblick sucht man in Montevideo allerdings das bisherige System noch mit kleinen Reformen zu erhalten. Die Aussicht auf eine rasche Ausfuhr der Weizenernte und das Beibehalten der Importsperre, die nur etappenweise und unter Erhöhen der Wechselkurse für die Hälfte aller Einfuhren gelockert werden soll, machten einen Privatkredit von 15 Mill. $ bis Ende Dezember möglich.

Ein ernstes Symptom ist freilich, daß gerade jetzt zwei nordamerikanische Gefrierfleischhäuser angesichts des immer geringer werdenden Viehbestandes die endgültige Betriebseinstellung für den 20. Dezember angekündigt haben. Rechnet man hinzu, daß das Ansteigen der Inflation infolge des Verteuerns der Einfuhren eine neue Streikwelle unter den Staatsangestellten ausgelöst hat und die Regierung auf große Schwierigkeiten stößt, um für laufende Ausgaben eine interne Anleihe von 400 Mill. Pesos unterzubringen, so ist nicht anzunehmen, daß in Uruguay in den kommenden Monaten ernsthafte Anstrengungen zum Oberwinden der Außenhandelskrise unternommen werden können.