Der Auftritt der Woprschalek-Dietersloh – Eine Theater-Satire

Von Hans E. Braun

Eines muß zunächst klargestellt werden: Nicht ich war es, dessen zarte Faust das linke Auge des Schauspielers P. schloß und die umgebende Gesichtslandschaft blaurot färbte. Im Gegenteil: Ich bin mir zwar bewußt, daß jene Erscheinungen des modernen Theaters, denen P. sein blaues Auge verdankt, unter anderem auch meinen Mantel in der Garderobe in Gefahr bringen, doch kein Opfer ist mir für die Kunst zu groß. Wollen Sie wissen, worum es sich handelt?

Als leidenschaftlicher Theaterbesucher werden Sie zweifellos bemerkt haben, daß sich im modernen Theater eine Tendenz zeigt, das Stück auch außerhalb der Bühne spielen zu lassen.

Da meint zum Beispiel ein Richter auf der Bühne, die Schuld der Angeklagten sei nunmehr unwiderlegbar erwiesen, aber aus der Proszeniumsloge ruft plötzlich ein würdiger Herr – ein als Publikum verkappter Schauspieler, versteht sich – es sei der Augenblick gekommen, in dem er auf Diskretion verzichten müsse, um mutig vor aller Welt zu bekennen, daß er am bewußten Nachmittag mit der angeklagten Dame bei sich zu Hause ein, gelinde ausgedrückt, Tête-à-tête hatte, womit feststehe, daß besagte Dame das Perlenkollier aus dem Geschäft von Powidl & Powolny nicht entwenden konnte.

Während oben auf der Bühne der Richter verdattert dreinschaut und sich den Schnurrbart streicht, fragt ein offensichtlich philosophisch veranlagter Herr – ein zweiter Schauspieler – aus der fünften Parkettreihe, was bedeute denn Schuld überhaupt und seien wir Menschen nicht alle sündhaft und für den traurigen Zustand dieser Welt mitverantwortlich? Darauf ruft vom Balkon eine Schauspielerin mit ätherischer Stimme "Hört hört!", und das Publikum, von den Ausdrucksmöglichkeiten des modernen Theaters fasziniert, hört eben.

Durch diese Technik kann die Wirkung eines Stückes tatsächlich ungeheuer gesteigert werden. Allerdings werden auch unerwünschte Nebenwirkungen erzielt, die vor allem dem Umstand zugeschrieben. werden müssen, daß der Zuschauer, wenn das Stück kühn die Bühne verläßt, andere Gedankenassoziationen hat, als wenn es schön brav oben bleibt.