Langwierig, verbissen und allseitig von einemhohen Verantwortungsbewußtsein getragen – mit diesen Prädikaten darf die Öffentlichkeit die Stahlpreisgespräche der vergangenen Wochen versehen. Nach der Turbulenz der Kohlenpreis-Affäre zeichneten sich die auf höchster Ebene geführten Stahlpreisgespräche durch Ruhe und Sachlichkeit, besonders auch auf der Regierungsseite, aus. Das ist psychologisch und politisch wohl das Erfreulichste, trägt es doch zu einer besseren Atmosphäre im Montanbereich bei.

Wenn der Vorsitzende der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie, Bergassesor a. D. Dr. h. c. Hans-Günther Sohl, in einer Pressekonferenz darauf hinwies, daß die Wirtschaftsvereinigung kein Kartell sei und daher auch keine einheitliche Preisbestimmung vornehme, ja kaum eine Empfehlung im Sinne einer bindenden Richtschnur aussprechen wolle, so verrät diese Haltung nicht nur das Gefühl für das psychologisch Zumutbare: sie entspricht auch den Tatsachen. Jedenfalls werden jene Stahlkonzerne, die eine Preiserhöhung für notwendig halten, getrennt voneinander neue Preislisten bei der Hohen Behörde in Luxemburg vorlegen. Auch die Preisanhebungen werden unterschiedlich sein. Es darf aber angenommen werden, daß "die Idee einer Anhebung von 3 bis 5 v. H." allgemein befolgt und höchstens nur in Einzelfällen überschritten werden wird. Andererseits werden zunächst gewisse Produkte nicht verteuert; das eine oder andere Werk wird vielleicht auch keine neuen Preislisten einreichen. So haben z. B. die Reichswerke in Salzgitter erklärt, daß sie keinen zwingenden Grund für sich sehen, die Preise zu erhöhen. Ob aber diese Differenzierung auch für den Letztkäufer spürbar wird, oder ob sie sich im Handelsapparat "auspendelt", bleibt abzuwarten.

Von der Thyssen-Hütte verlautete, sie wollenur ihr Breitband um 3 v. H. erhöhen; Klöckner will vermutlich nur Stabstahl um gut 4 v. H. heraufsetzen, Krupp-Rheinhausen und Rheinstahl werden die Empfehlung 3 bis 5 v. H. beachten. Ursachen der Preiserhöhung sind nicht nur in den Kostenerhöhungen seit Jahresfrist bei Kohle um 300 Mill. DM, bei Schrott um 135 Mill. DM, bei Erzen um 120 Mill. DM und bei Personalkosten durch Verkürzung der Arbeitszeit und Lohnerhöhungen um 100 Mill. DM zu sehen, – jene Posten machen zusammen rund 50 DM je Tonne Walzstahl oder 9 v. H. der Walzstahlpreise aus – sondern vor allem in der Erlösminderung beim Exportgeschäft in Drittländer.

Hier sind die lukrativen Gewinnspitzen um 15 bis 40 Dollar oder 60 bis 160 DM je Tonne Walzstahlprodukt verschwunden. Sie haben bisher die erhöhten Kosten der Produktion auszugleichen vermocht. Wenn man den Ertrag aus dem Inlandsgeschäft vor etwa zweieinhalb Jahren gleich 100 setzt, so ist er heute gleich Null; im Export wäre er gleich 1000 gewesen, heute zwischen Null und 100. Wenn auch etwas vergröbert, so zeigt dieser Vergleich doch die Situation. Dabei ist das Inlandsgeschäft nach wie vor lebhaft, aber das Exportgeschäft hat sich der Menge nach halbiert, dem Wert nach dezimiert. Daraus resultiert eine gewisse Dämpfung im Auftragseingang und in der Beschäftigung...

Der Preisverfall am Walzstahlmarkt birgt die Gefahr, daß er sich auch auf den für Deutschland so wichtigen Maschinen-Fertigexport auswirkt. Bei Stahl ist jetzt offenkundig geworden, daß der Inlandspreis jahrelang "falsch" gewesen ist, weil Ertragskraft und vielleicht auch Investitionsspielraum mehr oder weniger ausschließlich von Exporterlösen gespeist wurden. Wird dies auch im Maschinenbau der Fall sein? Dann ständen wir vor einer marktbedingten Erhöhung der Inlandspreise für Maschinen. Eine Stellungnahme der Maschinenbaufirmen zu dieser Frage wäre bemerkenswert.

Da die Preiserhöhung mit 3 bis 5 v. H. nur etwa die Hälfte der Kostenerhöhungen trägt, werden die betroffenen Werke einen Ausgleich anderwärts suchen müssen, sofern nicht die gesamte Last auf den ausgewiesenen Reingewinn und die Dividendenhöhe abgewälzt werden soll. Es ist möglich, daß hier und da die teilweise bereits zu beobachtende Verlängerung der Investitionstermine zunimmt, oder daß auf die Vor- und Rohstofflieferanten, ferner auf das Transportwesen ein Preisdruck ausgeübt wird. Das Tauziehen um die neuen Stahlpreise zeigt jedenfalls, daß die Preis-Bäume nicht in den Himmel wachsen und daß es allen Beteiligten auf der Regierungsseite wie in der Wirtschaft Ernst damit ist, die Kaufkraft zu halten, wenn möglich, sie sogar zu mehren. Mögen alle in der Wirtschaft Tätigen daraus lernen. W.-O. Reichelt